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den Nutzen und die Ehre ihres Berufes zu fördern suchten.Diese Zünfte hatten einst viel Gutes gewirkt, aber jetztdienten sie bloß noch dem Brotneid einer kleinen Zahl vonFamilien. Überall bestand der Zunftzwang. Wer einbestimmtes Gewerbe betreiben wollte, mußte der betreffendenZunft angehören. Für Meisterssöhne war die Aufnahme indie Zunft sehr leicht, für jeden andern wurde sie so schwerals möglich gemacht. Nicht nur mußte man eine bestimmteAnzahl Jahre Lehrling gewesen, als Gesell in der Weltherumgewandert sein und zum Schluß sein „Meisterwerk“ablegen, sondern es wurden auch große Gebühren, zuweilenTausende von Franken verlangt, so daß es einem armenGesellen fast unmöglich war, zum Meister emporzusteigen.
Der Handel wurde geschädigt und erschwert durch die zahl-losen Zölle, die nicht bloß an den Grenzen, sondern auchim Innern der Länder erhoben wurden. Jede Straße, jedeBrücke war durch Schlagbäume gesperrt, die sich nur gegenAbgaben öffneten. Selbst die Flüsse, wo man keine Erstei-lungs- und Unterhaltungskosten vorschützen konnte, warenmit Zöllen belastet. So mußte ein Schiff, das die Saöneund Rhone hinunterfuhr, auf einer Strecke von 36 Stunden30mal anhalten und Zoll bezahlen.
4. Geistiger Druck. Aberglaube. — Ein nichtgeringerer Druck lastete auf dem geistigen Leben der Völker.
Fast überall herrschte strenger Glaubenszwang. InSpanien wurden noch im 18. Jahrhundert Ketzer verbranntund in Frankreich protestantische Pfarrer an den Galgengehängt. Die Wissenschaft war nur in so weit frei, als sieder Kirchenlehre nicht widersprach. Der greise Galileivon Pisa, einer der größten Naturforscher aller Zeiten,wurde 1633 wegen eines Buches, worin er die Lehre des 1663Kopernikus verteidigte, vor die römische Inquisition geladenund auf der Folter zum Widerruf gezwungen. Aber auch inprotestantischen Landen galt die Losung: „Zuerst die Bibelund dann die Wissenschaft!“ Was dem für heilig undunfehlbar gehaltenen Buchstaben der Bibel widersprach,
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