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Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / von Wilhelm Oechsli
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jungen Staaten sind, sie zeigen doch alle einen jugendfrischenFreiheitssinn, und es ist nur zu wünschen, daß auch dieRussen sich allmählich daran gewöhnen, die Selbständigkeitdieser mit ihrer Hilfe befreiten Völker zu achten und ihrefreiwillige Freundschaft höher zu schätzen, als ihre erzwun-gene Untertänigkeit.

§ 63. Kulturzustände der neusten Zeit.

1. Freiheit und Gleichheit. . Ein Rückblick aufdie Ereignisse seit dem amerikanischen Unabhängigkeitskriegezeigt, wie langer und schwerer Kämpfe es bedurfte, um dendamals verkündeten Grundsätzen in Europa Eingang zuverschaffen. Aber heute darf sich unsere Zeit mehr als irgendeine frühere einer allgemein verbreiteten Freiheit rühmen.Sklaverei und Leibeigenschaft sind aus allen Ländern miteuropäischer Gesittung verschwunden. Fast alle Kulturvölkerhaben das Recht erworben, sich selbst zu regieren oder dochbei der Leitung ihrer Staatswesen durch ihre Parlamenteein gewichtiges Wort mitzusprechen. Selbst in Rußland sahsich der Zar nach einem unglücklich geführten Krieg mitJapan durch schwere innere Unruhen genötigt, 1905 eine 1905Verfassung zu versprechen und eine Volksvertretung, dieReichsduma, einzuberufen. Sicherheit des Lebens und Eigen-tums, Schutz vor willkürlicher Verhaftung und ungerechterVerurteilung, Freiheit des Glaubens, Denkens, Forschens undder Presse werden in jedem zivilisierten Lande als selbst-verständlich vorausgesetzt. Wohl hat die römische Kirchedie geistige Knechtschaft, den Gewissens- und Glaubenszwangvon neuem so schroff als möglich als ihren Grundsatz be-kannt, indem ein Konzil zu Rom 1870 die Unfehlbarkeit 1870des Papstes zum Glaubenssatz erhob. Aber dieser prie-sterliche Übermut hat nur dazu geführt, daß ein Teil derKatholiken als Alt- oder Christkatholische sich vonder römischen Kirche trennten und daß die Regierungenwachsamer als je darauf bedacht sind, die mittelalterlichen