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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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archen" verehrten und in seinem Sinne sprachen und schrieben. Dergenialste unter ihnen war Diderot, der Sohn eines Messerschmiedesvon Langres, ein enthusiastischer Feuergeist, in dem eine Unmasse vonKenntnissen und Gedanken gärte. Er saßte den Plan, das ganze mensch-liche Wissen in einem gewaltigen Wörterbuche, Enzyklopädie ge-nannt, zu sammeln und so jedermann das Rüstzeug zum Kampfegegen Unwissenheit und Aberglauben an die Hand zu geben. Zu diesemZwecke verband er sich mit dem großen Mathematiker d'Alembert,der eine glänzende Einleitung dazu schrieb; fast alle bedeutenderenGelehrten, auch Voltaire, lieferten Artikel dazu. Der Klerus fühltewohl, daß das Werk seiner Herrschaft einen tödlichen Streich versetzenwerde, und zu wiederholten Malen erlangte er, daß die Fortsetzungdesselben verboten wurde; aber es zählte einflußreiche Gönner auchbei Hofe,*) und so wurde es denn in 15 Jahren (175166) vollendet,25 riesige Foliobände umfassend. Der Erfolg war ein ungeheurer;die Kunde von dem Werke drang bis zu den Nomaden Asiens, undvon nun an bezeichnete man die französischen Freidenker ohne weiteresals Enzyklopädisten.In der Hitze des Kamp fes gegen den Glaubens-zwang hatten sich die Philosophen, Voltaire an der Spitze, vielfachzu maßlosen Ausfällen gegen das Christentum und die Religion über-haupt hinreißen lassen und dadurch viele ernstere Geister abgestoßen.Da erhob sich um die Mitte des Jahrhunderts in dem Schweizer JeanJacquesRousseau (171278), dem Sohne eines Genfer Uhrmachers,ein Schriftsteller, der mit hinreißender Beredsamkeit den Glauben anGott und Unsterblichkeit verkündete, zugleich aber heftiger als irgendeiner die Übelstände in Staat und Gesellschaft bloßlegte und durch dieKühnheit seiner Gedanken, die Glut und Schönheit seiner Sprachealsbald eine ungemeine Macht über die Gemüter gewann. Einerglänzenden, auf ihre Bildung stolzen, innerlich aber vielfach verderbten

*) Der Minister Choiseul und der Preßaufseher Maleshcrbes wußtenes zu veranstalten, daß Ludwig XV. bei Tafel nach der Verfertigung desPulvers, seine Geliebte, die Pompadour, nach der Zubereitung der bestenPomade fragte. Man holte die Enzyklopädie und verlas die betreffendenAnweisungen. König und Maitresse waren entzückt über das lehrreiche Buch,und das Weitererscheinen wurde geduldet.