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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / Wilhelm Oechsli
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Herd des Freiheitsschwrndels und Jakobinismus, und die beidenMächte teilten wieder mehr als die Hälfte des unglücklichen Landesunter sich (1793). Im nächsten Jahr erhob sich das mißhandelteVolk unter dem trefflichen Kosciusko noch einmal zum Verzweiflungs-kampfe. Aber nach einer Reihe glücklicher Gefechte wurde dieser,als er die Vereinigung eines russischen Armeekorps mit der Haupt-armee unter Suworoff zu hindern versuchte, bei Maciejowice ander Weichsel (oberhalb Warschau) geschlagen und siel verwundet indie Hand des Feindes. Hierauf erstürmte Suworoff, während diePreußen Warschau belagerten, dessen auf dem rechten Weichselufergelegene Vorstadt Praga, unter ähnlichen Greueln wie Ismail.Nunmehr wurde die Vernichtung Polens nach langem Feilschen:der drei Mächte vollendet (1795). In den drei Teilungen hatte Öster-reich den Südwesten (Galizien) im Betrage von 2200-Meilen,Preußen den Nordwesten samt der Hauptstadt Warschau (West-, Süd-und Neuostpreußen) mit 2600 Sl-Meilen, Rußland aber alles übrige,ein Gebiet von 8800 ^-Meilen, nach und nach an sich gerissen. Da-mit war Polen aus der Reihe der Staaten Europas gestrichen unddas große Grenzreich zwischen europäischer Gesittung und asiatischerMeise, das Bollwerk Westeuropas gegen Russen und Osmanen ver-schwunden. Dieser empörende Völkermord würdealleinschon genügen,um das aufgeklärte Despotentum zu verurteilen. Allein auch abge-sehen von solcher Mißachtung des Rechtes fremder Nationen hattendie erleuchteten Despoten sich unfähig gezeigt, das Glück ihrer eigenenVölker auf die Dauer zu begründen. Auch sie setzten der Ruhmsuchtund Eroberungsgier die wahren Interessen ihrer Untertanen nach unddie von ihnen versuchten Reformen sielen mit dem Tode ihrer Urhebermeist wieder dahin. Es zeigte sich, daß die Wohlfahrt der Nationen undihre geistige Freiheit auf keinem festen Grunde ruhten, bis sich damitauch die politische Freiheit verband, bis die Völker auf irgend eineWeise maßgebenden Einfluß auf ihre Regierungen gewannen. DiesStreben nach politischer Freiheit ist das Zeichen der neuesten Ge-schichte, und der Anstoß dazu kam aus einer bis dahin wenig beachte-ten Ecke der Welt, von den englischen Kolonien in Nordamerika.

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