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Geschichtslehrmittel für Sekundarschulen / im Auftrage der Sekundarlehrerkonferenz des Kantons Zürich bearbeitet von R. Wirz ; in Verbindung mit H. Gubler ... [et al.]
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ken Germaniens Söhne und Töchter nahen in klirrenden Fesseln.Voran schreiten hochgewachsene Kriegergestalten vorn Jüngling biszum Greise, ungebeugt, aus den blauen Augen blitzen Trotz undVerachtung oder Ingrimm über das unverdiente Mißgeschick. KeineKlage geht überjdie Lippen, keine Trauek'spricht aus den kühnenZügen. Über den Helm gezogene Köpfe der Bären, Eber- undAuerochsfelle erhöhen ihre Wildheit. Wer unbedeckten Hauptesgeht, dem fallen die Haare, die über den Scheitel zusammengebundensind, zopfartig nach hinten. Wild jauchzt der Straßenpöbel beimAnblick eines besonders gehaßten Führers. Doch plötzlich legt sichder Sturm. Die Rohesten weichen vor der hoheitsvollen Erschei-nung, die den Zug der gefangenen Frauen eröffnet, zurück. Es istThusnelda, die Gemahlin des Arminus, des Befreiers der Deutschen.Marmorkalt sind ihre Züge, hoch trägt sie das stolze Haupt mitder Fülle blonder Locken; in prächtigen Falten fließt das ärmellose,schneeige Linnenkleid mit eingewobenen Purpurstreifen über ihrenschönen Körper. An der Hand führt sie den dreijährigen Sohn, einenkräftigen Knaben mit krausem Blondhaar und trotzigen, blauenAugen. Mit Staunen und Bewunderung schauen die Römer all dieschönen, stolzen und ungebeugten Frauen, und Leben kommt erst in sie,als auf dem turmähnlichen Triumphwagen, von schneeweißen, prächtig-geschirrten Pferden gezogen, der Held des Tages naht. Jung undschön, wie der Kriegsgott selbst, ausgerüstet mit allen Vorzügen desLeibes und des Geistes in seiner glänzenden, goldgestickten Trium-phatorentracht eine prachtvolle Erscheinung reißt er das Volk zurasender Begeisterung hin. Ein Blumenregen droht ihn zu erdrücken.Heil dem Sieger! Heil Germaniens, dem Freunde des Volkes! Allewollen ihren Liebling sehen. Bleich vor Erregung erwidert er dieGrüße des Volkes, unterstützt von seinen drei jugendlichen Söhnen,die sich mit ihrer Mutter Agrippina und zwei Schwestern ebenfallsauf dem Wagen befinden ein Bild des reinsten und schönstenFamilienglücks, wie es sich in dem sittlichfaulen Rom so seltenfindet. Neidlos begleitet auf schneeweißem Hengst der KaisersohnDrusus den berühmten Stiefbruder, zum großen Ärger des Vaters,der allem fremden Ruhme mißtraut. Dem ungebetenen Feldherrnfolgen die treuen Gehilfen seiner Schlachten und Siege, alle aufweißen Pferden; denn weiß ist des Römers Glücks- und Lieblings-farbe. Den ruhmgekrönten Führern auf dem Fuße marschieren dietapferen Truppen, auserlesene Abteilungen der acht am Rheine ste-