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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 2. Bd. (zweiter Teil und dritter Teil / 1. Hälfte) Mittlere und neuere Geschichte
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Geld, Vorteil und Nutzen, selbst alle Klosterämter, mochten sie noch soklein sein, wurden von Beliebigen, von Unwissenden, Ungebildeten, Un-gelehrten, Jünglingen, von Unerfahrenen, Eseln und Unbrauchbaren,die Geld gestohlen hatten oder sonst irgendwie besaßen, gekauft, einge-nommen und bekleidet oder auch von den Prälaten an der römischenKurie verschafft und erlangt." Unter dem Priesterstande herrschte eineunglaubliche Unwissenheit und Roheit. Manche Pfarrer waren berüch-tigte Trunkenbolde, Possenreißer, wenn nicht Schlimmeres, und nichtselten diente das Pfarrhaus zugleich als öffentliche Schenke. In denKlöstern hatte die frühere Tätigkeit meist einem schrankenlosen Müßig-gänge Platz gemacht und oft galten sie als Herde schamloser Unsittlichkeit.

3. Die Konzilien zu Pisa und Konstanz (14141418).Schwer empfanden die wahrhaft Frommen diesen Zustand, und immerlauter erhoben sich die Stimmen, der Kirche tue eine Reform anHaupt und Gliedern not. Von den Lehrern der Hochschule zuParis, die als die erste der Christenheit galt, ging der Ruf nach einerallg em einen K irch env ers a mmlnng aus, die dem Schisma einEnde machen und die Reform an Hand nehmen sollte. Aus die Ein-ladung einer Anzahl Kardinäle trat wirklich ein Konzil zu Pisa zu-sammen, das erklärte, es stehe über den Päpsten, das die beiden Gegen-päpste entsetzte und einen neuen wählte. Aber da jene sich weigerten,das Konzil anzuerkennen, und immer noch Anhänger fanden, hatte manjetzt drei Päpste statt zwei, und das Übel war ärger als zuvor. Zuletztkonnte Kaiser Sigmund den erbärmlichsten davon, Johann XXIII.,der in seiner Jugend Seeräuber gewesen sein soll, dazu bringen, daß er1414 eine neue Kirchenversammlung nach Konstanz berief. Mit dergrößten Erwartung sah die Christenheit dem Konzil entgegen. Ausallen Enden Europas strömten Teilnehmer herbei. Nie hatte die Welthohe geistliche und weltliche Würdenträger aus allen Nationen, denPapst und den Kaiser an der Spitze, in solcher Menge beieinander ge-sehen. Mit ihrem Gefolge, den Kaufleuten, Gauklern und Neugierigenaller Art zählte man durchschnittlich 70,000 Fremde in Konstanz. Einerso stattlichen Versammlung vermochten die schismatischen Päpste nichtstand zu halten. Johann XXIII., der zu entfliehen suchte, als ihn dasKonzil zur Abdankung drängte, wurde mit Schimpf und Schande, unter

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Oechsli, Bilder II und III. i.