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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 2. Bd. (zweiter Teil und dritter Teil / 1. Hälfte) Mittlere und neuere Geschichte
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diese mächtige Stadt zu ihm über, und Berns Beispiel folgten Basel,Schaffhausen und andere eidgenössische Gemeinwesen, so daß von da andas Üebergewicht der Reformation in der Schweiz entschieden war.

2. Luther und Zwingli zu Marburg (1529). Manhätte erwarten sollen, Luther würde den wackern Mitstreiter imSchweizerlande freudig begrüßt haben. Das war jedoch keineswegs derFall; während Zwingli dem Wittenberger Reformator aufrichtige Ver-ehrung zollte, haßte ihn dieser wie seinen grimmigsten Feind, weil erseine eigenen Wege ging und in vielem abweichende Meinungen hegte,namentlich über die Bedeutung des Abendmahls. Zwingli hatte sicheine ausgezeichnete klassische Bildung angeeignet. Griechen und Römerwaren ihm vertraut, und wenn Luther ihn an urwüchsigem Tiefsinnüberragte, so war er dafür verständiger und freier blickenden Geistesals dieser; stand er doch nicht an, in seinen Schriften Heiden, wieSokrates, Cato u. a. ohne weiteres in den christlichen Himmel zu ver-setzen. So heilig er auch die Bibel hielt, so wagte er doch, sie mit denAugen der Vernunft anzusehen, unter andern: die EinsetzungsworteChristi beim Abendmahl:Nehmet, das ist mein Leib, trinket, das istmein Blut!" bildlich zu deuten und das Abendmahl für eine bloße Ge-dächtnisfeier an den Opfertod Christi zu erklären. Luther dagegen, derden Mönch nie ganz verleugnen konnte, hielt am Buchstaben fest undbehauptete allen Ernstes, im Abendmahl esse man Christi Leib undtrinke sein Blut. Als Zwingli mit der Überlegenheit eines klaren undgebildeten Kopfes seine Meinung in allem Anstand verfocht, überhäufteihn Luther mit einer Flut von Schmähschriften, nannte ihn einenSchwarmgeist", durch den der Teufel spreche; wie er denn alles, wasihn ärgerte, selbst Krankheiten, vom Teufel herleitete, an dessen leib-haftiges Dasein er ebenso fest glaubte, wie an dasjenige Gottes. Nichtalle Anhänger Luthers billigten jedoch diese ungerechte Heftigkeit, amwenigsten Landgraf Philipp von Hessen. Als die Beschlüsse desReichstags zu Speier 1529 die Sicherheit der deutschen Protestantenbedrohten, wünschte dieser sehnlichst ein Bündnis mit den tapfernSchweizern und suchte daher eine Aussöhnung zwischen den beiden Re-formatoren zu stände zu bringen. Er lud sie deshalb zu einer persön-lichen Zusammenkunft zu sich nach Marburg ein. Zwingli wagte die