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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 2. Bd. (zweiter Teil und dritter Teil / 1. Hälfte) Mittlere und neuere Geschichte
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1. Ulrich Zwingli in Zürich (seit 1519). Gleichzeitigmit Luther war ein Reformator in der Schweiz aufgetreten, der, un-abhängig von jenem, zu ähnlichen Zielen gelangte, Ulrich Zwingli,Pfarrer am Großmünster in Zürich (geboren 1484 zu Wildhaus imToggenburg). Als echten Sohn einer Republik kümmerten diesen aberdie Schäden des Vaterlandes ebensosehr wie die der Kirche. Die Bünd-nisse mit den fremden Fürsten, worin die schweizerischen Regierungendiesen das Recht verkauften, nach Belieben im Lande Söldner zu werben,schienen ihm ein Schandfleck und ein Unglück für die Schweiz. AlsFeldprediger in den Mailünderzügen hatte er das wüste Kriegerlebenkennen gelernt und mit Recht glaubte er, daß verwilderte Soldknechte,die sich aus dem Morden und Plündern ein Handwerk machten, keineguten Bürger für die Republik abgäben. Daher erklärte er dem Söldner-wesen und dem Geldnehmen der Großen den Krieg auf Leben und Todvon der Kanzel herunter und hatte zuletzt die Genugtuung, daß wenig-stens Zürich den Soldbündnissen entsagte. Mit der gleichen Ent-schiedenheit griff Zwingli aber auch die Mißbräuche der Kirche an. Be-vor er etwas von Luther wußte, war er zu der Überzeugung gekommen,daß die Bibel der einzig echte Quell des Christentums sei, und hattegleich bei seinem Amtsantritt in Zürich (Neujahr 1619) erklärt, erwerde das Evangelium nur nach der Schrift und nicht nach menschlichemGutdünken predigen. Nachdem er die Gemüter gehörig vorbereitet hatte,schritt er 1522 zu praktischen Reformen und führte diese, da Rat undVolk von Zürich ihm günstig gesinnt waren, rasch und sicher zu Ende.Nach wenig Jahren war die zürcherische Landeskirche von Bischof undPapst befreit. Messe, Bilder und Heiligenverehrnng, sowie die Beichte,die Luther noch beibehielt, beseitigt, der Gottesdienst so einfach undvolkstümlich als möglich gestaltet, die Klöster aufgehoben und diePriesterehe gestattet. Hand in Hand damit wurden Schulen und Spitälererrichtet, umfassende Anstalten für die Versorgung der Armen getroffenund vieles andere neu geordnet, alles unter der Leitung Zwinglis, der,wie seine Gegner spotteten, in Zürich Pfarrer, Bürgermeister, Rat undSchreiber in einer Person war. Überall in der Schweiz regten sichbegeisterte Anhänger für ihn. Als er 1528 in einer dreiwöchigenDisputation zu Bern seine Sache siegreich verfochten hatte, trat

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