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und Hannover. Erst als alle seine Besitzungen diesseits der Lstseebis ans Stralsnnd verloren gegangen waren, entschloß sich Karl znrHeimkehr. In 14 Tagen ritt er von der Türkei nach Stralsnnd, das erjedoch nicht mehr zu retten vermochte. Dafür wollte er sich an Däne-mark schadlos halten und griff Norwegen an, wurde aber bei der Be-lagerung der Feste Friedrichshall erschossen (1718). Sein Land, amRande des Abgrundes, an Geld und Menschen völlig erschöpft, mußteFrieden schließen um jeden Preis. Im Vertrage zu Nystadt (1721)überließ es Rußland die schönen Qstseeprovinzen Livland, Esth-land, Ingermannland und Karelien, nachdem es schon vor-her die Hälfte Pommerns an Prenßen, Bremen und Verden an Han-nover abgetreten hatte. So sank Schwedens Großmachtstellnng dahin,und Rußland trat an seine Stelle.
7. Peter der Große und seine Nachfolger. Peter I.aber hielt sich für berechtigt, den Titel des Großen anzunehmen. DieNachwelt hat ihm denselben gelassen, ob mit Recht? Wenn Rußlandunter ihm znr gewaltigen Militärmacht wurde, wenn es sich die mecha-nischen Fertigkeiten des Abendlandes aneignete, so darf nicht vergessenwerde», daß die ihm anfgezwnngene Kultur zunächst doch nur eineScheinknltnr war. Peter selbst blieb trotz seiner genialen Anlagen Zeitseines Lebens ein echt asiatischer Barbar, roh und zügellos in Sittenund Begierden, gewalttätig und grausam bis znm Wahnsinn.*) Inseinem Lande führte er eine förmliche Schreckensherrschaft. Ein unvor-sichtiges Wort genügte, um Männer und Frauen aller Stände denfurchtbaren Qualen der kaiserlichen Folterkammern und Henkersknechtezu überliefern. Den eigenen Sohn und Thronfolger Alex ei, den erhaßte, weil er seinen Neuerungen abgeneigt war, trieb er zunächst durch
*) Näher besehen, bietet Peters Leben zum Teil ein Bild dnr, das ehereines Königs von Dahomcy würdig ist, als des Zivilisators von Rußland. Einesseiner Hanptvcrgnügen bestand darin, beim Foltern, Knuten nnd Hinrichten seinerOpfer selbst Hand anzulegen. Nicht nur Älexci, sondern auch seine erste (ver-stoßene) Gemahlin nnd eine seiner Schwestern soll er eigenhändig gefoltert undgcknutet habe». Bei einer Mahlzeit, wo es lustig herging, ließ er zum Nachtischzwanzig gefangene Strclitzc» kommen, hieb bei jedem Glas Branntwein einemden Kopf herunter, nnd wurde fast unwillig, als der preußische Gesandte sichweigerte, all dem Spaß teilzunehmen.