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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 2. Bd. (zweiter Teil und dritter Teil / 1. Hälfte) Mittlere und neuere Geschichte
Entstehung
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V. Polens Untergang.

Roepell-Caro, f. S. 1. Roepell, Polen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Ssvlowioff»Geschichte des Falles von Polen, deutsch von Spörer. v. d. Drirggen, Polens Auflösung. Beer»Die erste Teilung Polens, 3 Bde. Häusser» s. S. 299. Sybel, Geschichte der Vevolutionszeit von1789-1795, 3 Bde.

1. Die Republik Polen. In den Ebenen zu beiden Seitender Weichsel war im 10. Jahrhundert das Reich der Polen, desHauptstammes der Westslawen, entstanden. Diese hatten von denDeutschen das römisch-katholische Christentum angenommen. Dereigentliche Gründer ihres Reiches war Boleslaw I. Chrobry,d. i. der Tapfere (9921028), der seine Unabhängigkeit gegen dieKaiser aus dem sächsischen Hause behauptete und den Königstitel an-nahm. Im Mittelalter blühte Polen unter seinem Hause, den Piasten,mächtig aus, und als diese mit Kasimir dem Großen, dem ge-feiertsten polnischen Herrscher, 1370 ausstarben, unter dem litauischenGeschlechte der Jagellonen, durch welche Litauen mit Polen ver-bunden wurde. Im 16. Jahrhundert erstreckte sich das Reich der Jagel-lonen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meere und von der Oderbis über den Dnjepr hinaus. Auch als das Königshaus 1572 aus-starb und der Adel es durchsetzte, daß Polen ein Wahlreich wurde,blieb es noch ein Jahrhundert lang eine bedeutende europäische Macht.Während der Thronwirren, die im Ansauge des 17. JahrhundertsRußland zerrissen, dehnte es seine Grenzen bis in die Nähe von Mos-kau aus. Wie der tapfere Johann Sobiesky 1683 Österreich vomUntergang retten Hals, ist schon erzählt worden. Aber die Anzeicheninnerer Auflösung traten immer stärker hervor. Während überall sonstder Feudaladel von der königlichen Macht gebändigt worden war, ge-lang es jenem in Polen, diese zur völligen Ohnmacht herunterzudrückenund die Entscheidung über das Geschick des Staates in seine Versamm-lungen, die sogenannten Reichstage, zu verlegen. Polen hieß trotzdes Königs eine Republik. Aber nur der zahlreiche Adel war frei;die Masse der Bevölkerung schmachtete in härtester Leibeigenschaft, undeinen Bürgerstand gab es fast gar nicht. Auch war die polnische Ari-stokratie von jenem großartigen Gemeiusinn weit entfernt, der z. B. dievenetianische auszeichnete. Jeder einzelne Edelmann wollte so unab-hängig als möglich sein, und sollte darüber das Land der Anarchie

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Oechsli, Bilder II. und III. I.