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Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 2. Bd. (zweiter Teil und dritter Teil / 1. Hälfte) Mittlere und neuere Geschichte
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verfallen. Dies Streben gipfelte in dem sogenannten libsruin vsto,d. h. dem Recht jedes einzelnen Edelmannes, durch seine Einsprachedie Beschlüsse der ganzen Reichsversammlung ungültig zu machen.Während eines halben Jahrhunderts 'wurde von 30 Reichstagen nureiner nicht durch dasVeto" gesprengt. Jede Königswahl gab Anlaßzu den wildesten Tumulten, bei denen Pulver und Blei nicht gespartwurden, und die polnische Reichsversammlung wurde wegen ihres Wirr-wars sprichwörtlich. Früher hatte Polen andern Staaten in bezug ausDuldung vorangeleuchtet; unter Kasimir dem Großen war es dasParadies der Juden" geworden, und zur Zeit der Reformation hattennicht nur Lutheraner und Reformierte, sondern selbst von diesen wieder-um ausgestoßene Sekten da Zuflucht gefunden. Aber der Wirksamkeitder Jesuiten gelang es allmählich, diesen toleranten Geist zu unter-graben, und im Beginn des 18. Jahrhunderts, da es überall sonst zutagen anfing, wurden die Nichtkatholiken (Dissidenten) in Polenverfolgt, von Staatsämtern, vom Wahlrecht und vom Reichstag ausge-schlossen und damit ein neuer Keim verderblicher Zwietracht ausgesäet.

2. Erste Teilung (1772/73). Wie hätte ein Volk von Leib-eigenen, geleitet von einer zerfahrenen, unduldsamen Aristokratie, miteiner Verfassung, die jedem adligen Querkopfe das Recht gab, die ver-nünftigsten Beschlüsse der höchsten Körperschaft umzustoßen, auf dieDauer den kräftigern Nachbarn widerstehen können! Jede polnischeKönigswahl gab den fremden Mächten Anlaß zur Einmischung, da dieParteien sich nicht scheuten, deren Hilfe anzurufen. Im nordischenund siebenjährigen Kriege wurde Polen, ein Reich von 15 MillionenEinwohner», von fremden Heeren in allen Richtungen durchzogen.Schon Friedrich I. von Preußen und Peter der Große hatten übereine Teilung verhandelt; diese aber auszuführen blieb den drei großenaufgeklärten Despoten des 18. Jahrhunderts vorbehalten. In diabo-lischer Weise bereiteten Friedrich der Große und Katharina II.den Untergang Polens vor. Zuerst versprachen sie sich in einem ge-heimen Bündnis, allen etwaigen Versuchen, die Anarchie in Polen zuheilen, das libsruna vslo abzuschaffen oder die Monarchie erblich zumachen, entgegen zu treten und Stanislaus Poniatowsky, einenGünstling der Kaiserin, auf den Thron zu erheben. Unter dem Drucke