V. Die Zeit des Patrizierregiments in der Schweiz. 247
Kommissionen oder Kammern (gegen 40) wurde die Verwaltungmeistens sehr gewissenhaft besorgt (Schulkammer, Armenkammer, Salz-kammer usw.). Die jüngern Standesglieder wurden hier von denältern in die Geschäfte eingeführt. Der Patrizier glaubte sich zumRegieren geboren. Eine gewisse Regierungsgewohnheit war ihm an-erzogen. Sein Standes stolz erlaubte ihm nicht, Handel und Ge-werbe zu treiben. In der Wissenschaft begehrte er nicht zu glänzen.An seinem Recht zum Regieren hielt er mit allem Starrsinn fest.Wehe den Untertanen, die sich aufzulehnen wagten! In solchem Fallwar das Patriziat ebenso streng wie ein absoluter König. Das habenDavel und Henzi, wie auch die freiburgischen Untertanen erfahren.
Zum Lohn für seine trefflichen Dienste im Vill-
-r . mergerkrieg erhielt Major Davel aus Cully
die Aufsicht über eines der vier Regimenter, welche die Waadt stellte.Seine Heimatliebe gab ihm den Gedanken ein, die Waadt von Bernloszutrennen; sie sollte ein selbständiger Kanton werden. Er wußte,daß viele Waadtländer solches wünschten, vor allem die gebildeten, auf-geklärten Bürger der vielen Städtchen am schönen Lcmansee. Doch war'sein gefährliches Wagnis, Wider die „Gnädigen Herrn" von Bern sich zuerheben. Der edle Davel wollte niemandes Leben aufs Spiel setzen.Keinem hat er seinen Plan anvertraut, bis die Stunde schlug, da er ihnauszuführen dachte. Als zur Osterze it 1723 alle Landvögte derWaadt wegen der Ratserneuerung nach Bern gegangen waren, rief erein Bataillon Soldaten zur Musterung zusammen und rückte mit ihmauf den Münsterplatz zu Lausanne. Dann trat er vor den Ratdieser Stadt und legte ihm den Plan der Befreiung des Waadtlandes inbegeisterten Worten vor. Wenn Lausanne vorangehe, dann weide ihmdas ganze Waadtland folgen, und Bern müsse es freigeben. Jetzt sei derAugenblick am günstigsten. Die Ratsherrn erschraken ob der Kühnheitseines Vorschlages. Sie fanden nicht denMnt, dein Führer zu folgen.Doch stellten sie sich, als liehen sie ihm Gehör. Er ließ sich in eineHerberge führen, und seine Truppen wurden in entfernte Quartiere ge-bracht. Am andern Tag zeigten sie ihr wahres Gesicht. Sie nahmenDavel den Degen ab und ließen den verratenen Mann ins Gefängnisführen. Den Berner Regenten kam diese Kunde wie ein Blitz aus heiteremHimmel. Sie befürchteten eine weitverzweigte Verschwörung. Davel be-zeugte vor dem Stadtgericht von Lausanne, daß er keinen Mitwisserhabe. Die Folter blieb ihin nicht erspart. Das Gericht sprach dasTodesurteil über den „Rebellen" aus. Er erlitt den Tod mit demMut eines wahren Freiheitshelden. Noch auf dem Scbafott ermähnteer das Volk zur Tugend und Vaterlandsliebe. Auf dem Münstcrplatz zuLausanne ist ihm ein Denkmal errichtet worden. — Eine zweite Erhe-bung gegen das Patriziat erlebte Bern im Jahr 1749 in seinen eigenen