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§ 11 -
Krösus der Lydier.
1. Unter den Völkern Kleinasiens, welche Kyrus der Per-sischen Herrschaft unterwarf, waren die mächtigsten die Lydier.Ihr König Krösus, der zur Zeit des Kyrus lebte, hatte ungeheureReichtümer in seiner Hauptstadt Sardes aufgehäuft und setzte seinganzes Vertrauen auf sie.
2. Als daher einst Solon, der weise Gesetzgeber von Athen,auf seinen Reisen zu ihm kam, führte er diesen in seinen Schatz-kammern umher und hoffte, von ihm für den glücklichsten Sterblichengehalten zu werden. Dieser aber erkärte zuerst den Athener Tel lus,weil er ein glückliches Leben geführt habe und den schönsten Tod fürsVaterland gestorben sei, und dann die Argiver Kläobis und Bitonfür Glückliche, weil sie in Erfüllung ihrer Pflichten ein schönes Endegefunden hätten und auch uach ihrem Tode von ihren Mitbürgernhochgeehrt würden.
3. Krösus wurde unwillig, daß Solon ihn, einen so mächtigenund reichen König, inbezug auf Glück nicht einmal gewöhnlichenBürgern gleichstellen wollte. Da sprach Solon: „Reich bist du zwarund ein mächtiger König, aber glücklich noch nicht. Denn bei demWechsel der menschlichen Schicksale ist niemand vor seinem Todeglücklich zu Preisen. Bei allen Dingen muß man auf den Ausgangachten. Die Götter haben viele Menschen glücklich beginnen lassenund dann gänzlich zu Grunde gerichtet."
4. Bald sollte Krösus die Wahrheit der Worte des weisenSolon erfahren. Als nämlich Ast^äges, sein Schwager und Ver-bündeter, durch Kyrus vom Throne gestürzt worden war, beschloßKrösus, ihn zu rächen. Er wurde dazu durch den Spruch desOrakels zu Delphi ermuntert: „Wenn Krösus über den Halys geht,wird er ein großes Reich zerstören." Er zog gegen die Perser,wurde aber von diesen geschlagen und in seiner Hauptstadt Sardesbelagert. Kyrus erstürmte die Stadt, nahm den Krösus gefangenund befahl, ihn auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen.
5. Hier nun im Angesichts des Todes bereute Krösus seinfrüheres > Vertrauen auf irdische Schätze und gedachte der WorteSolons, indem er voll Wehmut ausrief: „O Solon, Solon,Solon!" Als .Kyrus dies hörte, ließ erden Krösus fragen, wasfür ein Mann das sei, dessen Namen er ausgesprochen habe. Dieserantwortete: „Es ist ein Mann, den alle Gewalthaber hören sollten."
6. Dies machte den Perserkönig begierig, näheren Aufschluß zuerhalten. Er ließ den Krösus vom Scheiterhaufen führen und ver-nahm dann die weise Lehre Solons, wie thöricht der Mensch sei,wenn er sein Glück auf irdische Schätze baue.