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Dr. Joseph Becks Leitfaden beim ersten Unterricht in der Geschichte : in vorzugsweise biographischer Behandlung und mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Geschichte
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die beim Tode Ludwigs XV. mehr als vier Milliarden Frankenbetrug, lastete um so schwerer auf dem Bürger- und Bauernstande,als Adel und Geistlichkeit, obwohl ^/g alles Grund und Bodens inderen Händen waren, fast gänzliche Steuerfreiheit genossen. Auchwaren in ihren Händen die einträglichsten Ämter. Die Ehrfurcht vorder Religion war verschwunden und die Unzufriedenheit mit denEinrichtungen des Staates allgemein. Die Rechtspflege war mangelhaft.

Diese Zustände Frankreichs wurden durch den Einfluß vonSchriftstellern, wie Montesquieu, Voltaire, Rousseau teilsmehr erkannt, teils noch gesteigert. Sie riefen unter dem Einflußdes nordamerikanischen Freiheitskrieges ein allgemeines Verlangennach Umgestaltung des Staatswesens wach.

2. Seit 1774 regierte Ludwig XVl., ein sehr wohlwollender,aber willenloser Herrscher, welcher sich den so mißlichen Zuständennicht gewachsen zeigte. Als die Not immer höher stieg, Beschränkungseiner eigenen Bedürfnisse nicht mehr helfen wollte und die Berufungder Reichs stände immer dringender gefordert wurde, berief derKönig sie auf den Rat seines Finanzmiuisters Necker. Im Mai1789 traten die Reichsstände, etwa dreihundert vom Adel, ebenso-viel von der Geistlichkeit und sechshundert aus dem drittenStande, in Versailles* zusammen.

_ 3. Bald aber gerieten diese selbst untereinander in

1789 Streit, ob in gemeinsamer Versammlung nach Köpfen,National- ^je der dritte Stand forderte, oder gesondert nachMag?* Ständen, wie Adel und Geistlichkeit wollten, beraten

- und abgestimmt werden sollte. Da erklärte sich der

dritte Stand zur allein beschließenden Nationalversamm-lung (17. Juni 1789), an der aber bald auch viele von der Geist-lichkeit und manche vom Adel teilnahmen. Die Versammlung legtedarauf im Ballhause Zu Versailles den Eid ab, nicht eher aus-einander gehen zu wollen, als bis sie dem Lande eine neue Ver-fassung gegeben hätte.

4. Die einflußreichsten Männer in dieser Versammlung warender durch Politische Klugheit und große Rednergabe alle überragendeGraf Mirabeau ('s 42jährig 1791), der Abt Sieyes, Lafayetteund andere. Schon am vierten August (1789) hob die Natio-nalversammlung alle Vorrechte der Stände, des Adels und derGeistlichkeit, auch Zehnten, Fronen u. a. auf und machtenach amerikanischem Vorbilde eine Erklärung der Rechte desMenschen bekannt, leider nicht auch zugleich seiner Pflichten.

5. Bereits hatte auch der Pöbel, aufgereizt von sittenlosenMenschen, wie von dem Herzog Philipp von Orleans (PhilippEgalite genannt), einem Seitenverwandten des Königshauses, und

* Versailles, seit Ludwig XIV. der gewöhnliche Wohnsitz der fran-zösischen Könige.