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Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
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68
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Bilder aus der deutschen Geschichte.

Zunftwesen. Die Handwerker hatten sich zu besonderen Zünften (Innungen,Gilden) zusammengeschlossen, um sich gegenseitig Schutz und Hilfe zu gewähren. JedeZunft hatte ihre besonderen Abzeichen, Fahnen und Bräuche. An der Spitze stand derZunftmeister. Die Zunstgenossen hielten brüderlich zusammen, wohnten häufig inderselben Gaste (Schustergasse, Seilergasse) und verkehrten in derselben Herberge, dieschon von außen durch die Zunftabzeichen auch für die Fremden kenntlich war. Siehatten ihre gemeinsame Lade, in der die Zunftbücher aufbewahrt wurden, ihren gemein-samen Prunkbecher, ja ihre gemeinsame Totenbahre. Bei Verteidigung der Stadtkämpften sie als geschlossener Haufen unter ihrem Zunftmeister. Niemand konnte einHandwerk treiben, der einer Zunft nicht angehörte. Diese setzte sich zusammen ausMeistern, Gesellen und Lehrlingen. Um das Handwerk vor Überfüllung zuschützen, durfte nur eine bestimmte Zahl von Lehrlingen ausgebildet werden. Hatteder Lehrling seine Lehrzeit beendet, so wurde er voroffener Lade" ledig gesprochenund erhielt einen zuweilen kunstvoll ausgestattetenLehrbrief". Er war jetzt Geselle.Nachdem der Geselle auf längerer Wanderschaft seinen Gesichtskreis erweitert undmancherlei Erfahrungen gesammelt hatte, konnte er Meister werden. Er mußte zudiesem Zwecke einMeisterstück" anfertigen. Nachdem dieses durch denSchau-meister" bis ins kleinste geprüft und nicht beanstandet worden war, erfolgte unterbestimmten Förmlichkeiten die Aufnahme des jungen Meisters in die Zunft. DerHandwerkerstand verdankte dieser sorgfältigen Ausbildung seiner Glieder und der Zucht,in welcher er seine Angehörigen zu halten wußte, einen großen Teil seiner früherenTüchtigkeit.

Die Meistcrsänger. Eine besondere Zunft zu erwähnen darf hier nicht ver-gessen werden, wenn sie auch nur in einzelnen oberdeutschen Städten zu finden war,nämlich die Zunft der Meistersänger. In der Blütezeit des Rittertums, nament-lich gegen Ende der Kreuzzüge, erschallte auf den Burgen und an den Höfen derÄinnegesang". Gegenstände des Gesanges waren Frauen-, Gottes- und Herrendienst.Die Sänger waren in der Regel auch die Dichter. Sie zogen von Burg zu Burg undtrugen, von Saitenspiel begleitet, frei aus dem Gedächtnis ihre Lieder vor. Von Mnndzu Mund pflanzten diese sich fort. (Der Sänger" von Goethe.) Erst als mit derEntartung des Rittertums der Minnegesang in Verfall geriet, fing man an, die Sängezu sammeln und aufzuschreiben. Die wertvollsten sind das Nibelungenlied undGudrun. Jetzt nahm das Bürgertum in den Städten die Volksdichtung in seine be-sondere Obhut und Pflegte sie alsMeistergesang" zwar schul- und zunftmäßig, abermit rührender Ehrerbietung vor der Kunst. Man stellte Gesetze und Formen desReimens auf, welche gewissenhaft beachtet werden mußten. Wie in dem Handwerk, somußte auch hier die Meisterschaft durch tadellose Leistungen errungen werden. Diesgeschah in denSingschulen" und in denFestschulen". Erstere wurden monatlich,letztere nur dreimal jährlich an den hohen Festen nach beendetem Nachmittagsgottesdienstabgehalten. Gegenstände des Gesanges waren biblische Geschichten, Glaubenssätze oderandere religiöse Stoffe.Merker" wachten darüber, ob bei dem Singen kein Verstoßgegen die Gesetze des Reimens rc. vorkam. DerUbersinger" (der 1. Sieger) erhieltdenKönig Davidspreis", eine silberne Kette mit angehängter Denkmünze, aufwelcher König David mit der Harfe dargestellt war. Der nächste nach dem Ubersingererhielt einen Kranz von seidenen Blumen zum Aufsetzen. Als ersten Meistersängerbezeichnet man Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob (gest. 1317 in Mainz).Der berühmteste Meistersänger war jedenfalls Hans Sachs, ein Schuhmacher ausNürnberg (gest. 1576), dessen Dichtungen die Zahl von 6000 erheblich überstiegen. Der30jährige Krieg versetzte dem ehrwürdigen Meistergesang den Todesstoß.

Das Stlidtrrgimcut. In allen Städten fand sich eine Anzahl vornehmer Ge-schlechter. Ihre Häuser zeichneten sich vor denen der übrigen Bürger durch eine solidereBauart aus und bargen im Innern nicht selten ungeheuren Reichtum an Gold, Silberund künstlichen Geräten. In der Regel waren sie die Besitzer von Grund und Bodender Feldmark, soweit dieser nicht Gemeingut war. Man nannte sie Patrizier (Edel-bürger) und sie hatten vor den übrigen Bürgern große Vorrechte. Sie wählten dieStadtobrigkeit: Schultheißen, Schöffen und Ratsherren aus ihrer Mitte und wußtendie übrigen Bürger in Abhängigkeit zu halten. Erst nach langen, zum Teil hartnäckigenKämpfen gelang es den übrigen Bürgern und den Handwerkern, Anteil an der Stadt-verwaltung zu erlangen. Neben den Bürgern, die ein festes Heimwesen in der Stadtbesaßen, gab es in den Vorstädten noch eine Menge armen Volks, das sich hereindrängte,