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Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
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Bilder aus der deutschen Geschichte.

übergeben zur sofortigen Urteilsvollstreckung. Ein Todesurteil wurde durch Enthauptenvon dem Scharfrichter oder durch Spießrutenlaufen von den eigenen Genossen, die sich mitihren Spießen in zwei Reihen, gegenüber aufstellten, vollzogen. Eine von den Knechtenmit scheuen Blicken angesehene Gestalt war deshalb derFreimann" oder Scharfrichter mitrotem Wams, einer roten Feder auf dem Hute und dem breiten Richtschwert an der Seite.Als eine Landplage wurden, namentlich von den Bauern, besonders diejenigen Lands-knechte betrachtet, welche von einem Hauptmann entlassen im Lande umherzogen und biszur Wiederanwerbung vom Bettel lebten.

26. Die Deformation.

Veranlassung. Eines der wichtigsten Ereignisse, durch das gleichsam ein neuerZeitabschnitt in der Weltgeschichte eingeleitet wurde, ist die Reformation. Schon im15. Jahrhundert war das Bedürfnis einer Verbesserung der Kirche an Haupt undGliedern lebhaft gefühlt worden, denn im Lause der Zeit hatten sich mancherleiMißbrauche in die christliche Kirche eingeschlichen. Deshalb hallen auch die Kirchen-veriammlungen in Konstanz und Basel sich laut für die Notwendigkeit einer Kirchen-verbessernng ausgesprochen. Leider umsonst! Man verharrte bei dem einmal Herge-brachten, und so mußte es endlich zu einer Kirchentrennung kommen. Begünstigt wurdediese Bewegung durch die vorausgegangene Erfindung der Buchdruckerkunst und dieEntdeckung Amerikas, wodurch das geistige Leben des Volkes mächtig angeregt wordenwar. Die deutsche Reformation nahm ihren Ausgang von Witteuberg in Sachsendurch den ehemaligen Augustinermönch Martin Luther.

Martin Luther wurde am 10. November 1483 zu Eisleben im Mausfeldischengeboren. Sein Vater war ein armer, aber seiner Frömmigkeit wegen allgemein geachteterBergmann. Die Erziehung ihres Sohnes ließen sich die Eltern sehr angelegen sein.Luther erzählt selber:Meine Eltern haben mich hart gehalten, daß ich darüber ganzschüchtern wurde. Die Mutier stäupte mich einmal um geringer Ursach willen, daß dasBlut darnam floß." Da der kleine Martin hervorragende Begabung zeigte, so brachteihn sein Vater auf die lateinische Schule nach Magdeburg, später nach Eiseuach. 1501kam Luther auf die Hochschule zu Erfurt, um Rechtswissenschaft zu studieren. In derdortigen Bücherei fand er zum erstenmal eine Bibel, die mit einer Kette angeschlossen war,um sie vor Diebstahl zu sichern. Er las fleißig darin und hatte keinen sehnlicheren Wunsch,als ein solches Buch sein eigen nennen zu können. Erschütternde Ereignisse, wie der plötz-liche Tod seines Freundes Alexius und ein Blitzstrahl, der neben ihm in die Erde fuhr,veranlaßten ihn, in ein Kloster zu gehen und sich der Gottesgelehrtheit zu widmen. Ob-gleich er sich mit strengster Gewissenhaftigkeit allen vorgeschriebenen Bußübungen unter-warf, so blieb er doch in beständigen Zweifeln wegen seiner Seligkeit. Er fand erst Ruhefür seine Seele, als ,hn der Vorsteher des Klosters, Dr. Staupitz, auf eine Stelle derH. Schrift verwies, in der von der Rechtfertigung durch den Glauben die Rede ist.

Auf Veranlassung dieses Dr. Staupitz wurde Luther 1508 durch den Kurfürstenvon Sachsen als Lehrer an die neugegründete Hochschule in Witteuberg berufen. EineReise nach Rom, die Luther 1510 unternahm, blieb nicht ohne Einfluß auf sein späteresAuftreten. Er sagt davon:Ich wollte nicht hunderttausend Gulden dafür nehmen, daß.ich nicht Rom gesehen hätte; ich' müßte sonst immer besorgen, ich täte dem Papst Gewaltund Unrecht; aber was wir sehen, das reden wir."

Der Ablaßstreit. Zur Vollendung der Peterskirche in Rom, eines der groß-artigsten Gotteshäuser der Erde, sollte ein vom Papst Leo X. ausgeschriebener all-gemeiner Ablaß das Geld schaffen. Dieser Ablaß war ursprünglich nur ein Nachlaßvon Strafen oder Bußen, welche die Kirche für manche Sünden auferlegte, die inder Gemeinde Ärgernis erregt hatten. Bei der rohen Auffassung jener Zeit wurde jedochder Ablaß von vielen für einen Nachlaß der Sünden schuld selbst gehalten, von derdie Kirche lehrt, daß er nur durch Reue und Buße erlangt werden könne. Dergroße Haufe meinte nun, mit Geld sich von seinen Sünden loskaufen und den Him-mel gewinnen zu können. In dieser «»christlichen Auffassung wurden diese Leutedurch das marktschreierische Auftreten mancher Ablaßprediger nur noch bestärkt. Einsolcher Mann war der Dominikanermönch Johann Tetzel, der in Norddeutschlandden Ablaß verkündigte.