Die Befreiungskriege.
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Verbündeten in Paris. Man bewilligte Frankreich einen großmütigen Frieden. Esbehielt alles, was es zur Zeit der Könige besessen hatte. Der Papst, wie die übrigenkleinen Fürsten Italiens kehrten aus ihre Throne zurück. Napoleon wurde abgesetztund ihm die Insel Elba im Mittelmeer als Wohnsitz angewiesen. Den Thron Frank-reichs aber bestieg als Ludwig XVIII. ein Bruder des Königs, der vor 21 Jahrenunter dem Fallbeil geendet hatte.
Napoleons Wiederkehr. Die Fürsten Europas traten jetzt in Wien zusammen,um die Ordnung in Europa wiederherzustellen. Das war bei den vielen sich zumTeil widerstreitenden Ansprüchen keine leichte Sache. Es ging auch nicht an, Deutsch-land wieder so zu gestalten, wie es vor dem Frieden von Lüneville gewesen war.Fast schien es, als ob jetzt ein Krieg unter den Verbündeten selber ausbrechen würde.Das hörte niemand lieber als Napoleon, der die Hoffnung, wieder auf den ThronFrankreichs zu gelangen, nicht aufgegeben hatte. Da erscholl in Wien plötzlich dieüberraschende Kunde, Napoleon habe die Insel Elba verlassen und sei mit einem Teilseiner „alten Garde" an der Küste Frankreichs gelandet. Dies stellte die Einigkeitunter den Verbündeten sofort wieder her. Napoleon wurde in die Acht erklärt, unddie Rüstungen begannen aufs neue.
Das letzte Ringen. Kaum war Napoleon gelandet, so sandte der König vonFrankreich seine Heere gegen ihn. Doch diese gingen zu Napoleon über, und schon
nach 20 Tagen zog dieser an der Spitzeeiner ansehnlichen Macht in Paris ein. ImJuni standen indes zwei Armeen in Bel-gien zum Einmarsch nach Frankreich bereit:eine preußische unter Blücher und eineaus englischen, hannöverschen, braunschwei-gischen und nassauischen Truppen zusammen-gesetzte unter Wellington. Am 16. Junigriff Napoleon Blücher bei Ligny anund besiegte ihn durch Übermacht. ZweiTage später bedrängte er auch Wellington beiWaterloo. Gleich zu Beginn des Kampfessandte Wellington einen Boten an Blücherund bat denselben, ihm mit zwei Korps zuHilfe zu kommen. „Nicht mit zwei Korps,sondern mit nieiner ganzen Armee!" ließBlücher antworten. Mit größter Tapferkeitschlugen die Verbündeten die wiederholtenfurchtbaren Angriffe der Franzosen zurück.Aber immer neue Truppen führte Napoleonins Feuer, immer rascher folgten- dessen Vor-stöße. Wellingtons Truppen fingen an zuermatten, da sprach er: „Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen!" Dierechtzeitige Ankunft der Preußen war durch Regen und grundlose Wege verzögertworden. Ost stockte der Zug. Aber unablässig feuerte Blücher seine Leute an:„Kinder, wir müssen vorwärts; ich habe es ja nieinem Bruder Wellington versprochen!Wollt ihr denn, daß ich wortbrüchig werden soll?" So vollbrachten die Leute Über-menschliches. Nochmals sammelte Napoleon seine Garden, um in gewaltigem AnsturmWellingtons Aufstellung zu durchbrechen — da erschienen die ersten Preußen auf demSchlachtfeld und griffen sofort wirksam in das Gefecht ein. Napoleons Angriff miß-lang vollständig. Mit neuen: Mute rückten nun ihrerseits die Truppen Wellingtonsvor. Schrecken und Bestürzung bemächtigte sich der französischen Heere, und sie wandtensich zur Flucht. Gneisenau übernahm die Verfolgung. „Wie man siegt", sagteer, „haben wir gezeigt; nun wollen wir auch zeigen, wie man verfolgt." Obgleichdie Truppen außerordentlich ermüdet waren, blieb er dem Feinde auf den Fersen.
Gneisenau.