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Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
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Bilder aus der deutschen Geschichte.

Fast wäre Napoleon selber gefangen genommen worden. Sein Wagen, Degen undHut fiel in die Hände der verfolgenden Preußen. Nach wenigen Tagen zogen dieVerbündeten zum zweitenmale in Paris ein. Im zweiten Pariser Friedenwurde Frankreich eine Kriegsentschädigung von 700 Mill. Franken auferlegt. Napoleon,der sich auf ein Schiff geflüchtet hatte, um nach Amerika zu entfliehen, geriet in Ge-fangenschaft der Engländer. Diese brachten ihn auf die Felseninsel St. Helena imAtlantischen Ozean, wo er streng bewacht wurde. Hier starb er 1821. Im Jahr1840 wurden seine Gebeine nach Paris gebracht und im Doni der Invaliden bei-gesetzt. Napoleons einziger Sohn, dem sein Großvater, der Kaiser von Österreich,

den TitelHerzog von Reichsstadt" verliehen hatte, starb 1832 in Schönbrunn bei Wien.

42. Mon 1815-1870.

Der deutsche Bund. Während der Freiheitskriege hatte das gesamte deutscheLeben einen gewaltigen Aufschwung genommen. Alle Gegensätze hatten sich in dergemeinsamen Liebe zum Vaterlande versöhnt. Dieser, gleich einer Naturkraft wir-kenden Begeisterung wär Napoleon erlegen. Mit Recht hatte deshalb das deutscheVolk gehofft, daß Deutschland frei nach innen, einig und stark nach außen aus diesemRingen hervorgehen werde. Für selbstverständlich hatte man es gehalten, daß Frank-reich Elsaß und Lothringen, die es einst widerrechtlich dem Reiche entrissen hatte,wieder herausgeben müsse. Alle diese Hoffnungen sollten unerfüllt bleiben. Was

konnte Deutschland auch erwarten von einer Versammlung, wie der Wiener Kongreß,

in der Mächte vertreten waren, denen ein mächtiges Deutschland gar nicht erwünschtwar! Statt eines Deutschen Reicheseins nach außen, schwertgewaltig um ein hochPanier geschart", stellte man einen lose zusammenhängenden Staatenbund her,der nicht einmal dem Auslande gegenüber eine einheitliche Vertretung hatte. Indiesem Bunde hatten auch nicht-deutsche Fürsten ihre Vertretung, wie derKönig von Dänemark wegen Schleswig - Holstein - Lauenburgs und der Königvon Holland wegen des Großherzogtums Luxemburg. Das deutsche Volk selber wor-über in der Bundesversammlung gar nicht vertreten. An den fremden Höfen er-schienen zwar österreichische, preußische, bayerische Gesandte, aber keine deutschen; aufdem Meere sah man wohl Hamburger, Bremer rc. Flaggen, aber keine deutsche. Inder Armee begegnete man allen möglichen Abzeichen, nur keinem gemeinsamen Bundes-zeichen. Und wie verschieden waren erst Bewaffnung und Ausrüstung! Verlassen,schütz- und rechtlos stand der Deutsche aus einem der Mittelstaaten im Auslande da.Man schützte zwar Fleiß und Geschick des deutschen Arbeiters, aber man kannte ihnnicht als Glied einer Nation. Schüchtern trat er deshalb auf, bequemte sich leichtfremden Eigentümlichkeiten an und war bemüht, heimische Sprache und Sitte sobaldals möglich zu verleugnen und in dem fremden Volkstum aufzugehen. Unmöglichkonnte dies das Ansehen des Deutschen im Auslande vermehren. Man hielt diesesAnbequemen an fremde Eigentümlichkeit, die Sucht, das Fremde vor dem Eigenen zubevorzugen, für einen Naturfehler des Deutschen. Galt ja schon in seiner SprachedasNicht weit her" als Ausdruck der Geringschätzung.

Der Bundestag, der in Frankfurt am Main seinen Sitz hatte, hätte nunvieles tun können, diese Zustände zu ändern, aber es geschah nichts. Engherzigwachte jeder Staat über seineEigentümlichkeiten" und hätte um keinen Preis aufdas kleinsteverbriefte Recht" zu grinsten der Gesamtheit verzichtet. So behielt jederStaat sein eigenes Münzsystem, seine eigenen Maße und Gewichte. Vergebens wardas Verlangen nach einem allgemein gültigen Gesetzbuch, nach gleichem Gerichts-verfahren. Handel und Verkehr waren durch Zollschranken vielfach unterbunden undentbehrten des gemeinsamen Schutzes im Auslande. Den Vorsitz in den Bundes-versammlungen führte Österreich, obgleich dessen Länder zum großen Teil gar nichtzum Deutschen Bunde gehörten. Österreich verfocht, was ihm selber zum Vorteil ge-reichte, und widerstrebte allem, was die übrigen Glieder, namentlich Preußen hätte