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Geschichte : ein Wiederholungsbuch für die Hand der Schüler / bearb. von P. Müller und J. A. Völker
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109
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Der deutsch-französische Krieg.

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verbunden hatte. Auch die Kaiserin der Franzosen wünschte einenkleinen Krieg"gegen das verhaßte Preußen. So wurde Napoleon auf Wege gedrängt, die er vielleichtgern vermieden hätte. Er erkannte, daß er nur dadurch Herr der inneren Schwierig-keiten werden könne, wenn er die Aufmerksamkeit der Franzosen nach außen lenkeund durch einen glänzenden Sieg deren Eitelkeit befriedige. An einen Sieg mußteer um so eher denken, als er sicher darauf rechnete, daß Süddeutschland mindestensneutral bleiben werde, und der Kriegsminister Leboeuf (leböf) versicherte, daß die

Rüstungen bis aus denletzten Knopf" vol-lendet seien. Zudem erwartete man Wundervon dem weittragenden Chassepotgewehr undder Kugelspritze, womit die Armee aus-gerüstet war. Da ein stichhältiger Grund-zu einem Kriege mit Preußen nicht vorlag,so benützte man einen nichtigen Anlaß alsVorwand. Die Spanier hatten ihre KöniginJsabella vertrieben. Sie suchten einen ge-eigneten Mann für ihren Thron und wähltenden Prinzen Leopold von Hohenzollern,einen entfernten Verwandten des Königs vonPreußen. Ein Hohenzoller auf Spaniens-Thron, das konnte die französische Eitelkeitnicht dulden! Napoleon sandte deshalb seinenBotschafter Benedetti nach Ems, wo KönigWilhelm gerade weilte, und forderte, der Königmöge dem Prinzen von Hohenzollern die An-nahme der spanischen Krone verbieten. DieseForderung lehnte jedoch der König ab unterdem Hinweis, daß der Prinz selbständig seiund wissen müsse, was er zu tun habe. Immerhöher stieg der Kriegstanmel in Paris. PrinzLeopold, der sich den Vorwurs ersparen wollte,daß seine Person die Ursache eines verderblichen Krieges werde, verzichtete auf die spanischeKrone. Jedermann nahm nun an, daß damit alle Ursache zum Krieg beseitigt sei.Aber man wollte den Krieg und durste sich deshalb die willkommene Gelegenheitdazu nicht entgehen lassen. Nochmals erschien Benedetti im Auftrag seines Kaisers-vor König Wilhelm und verlangte von diesem die Erklärung, daß er niemals gestattenwerde, daß ein Hohenzoller aus den spanischen Thron berufen werde.

Mit Recht" wies der König dies beleidigende Ansinnen zurück. Als der fran-zösische Gesandte den Versuch machte, den König aus seinem Spaziergange nochmalsmit dieser Frage zu behelligen, ließ er ihm sagen, daß er nichts mehr'mit ihm zuverhandeln habe. Die Franzosen gerieten über diese wohlverdiente Zurückweisung ihresGesandten in helle Wut. Ganz Paris verfiel in einen Kriegstaumel. Banden durch-zogen die Straßen und schrieen:Es lebe der Krieg! Nieder mit Bismarck!" Diefranzösische Kammer bewilligte nach kurzer Verhandlung die Mittel zur Kriegführung.Nur wenige Männer gab es, die besonnen genug waren, vor dem Krieg zu warnen.Aber auch diese widersetzten sich dem Kriege nur, weil sie den rechten Zeitpunkt nichtfür gekommen erachteten. König Wilhelm erkannte den Ernst der Lage. Er reistesofort nach Berlin zurück. Seine Reise glich einem Huldignngszuge. Überall fandenKundgebungen statt, welche bewiesen, daß man seine Zurückweisung französischer Zu-dringlichkeit billige. Selbst in den neuerworbenen Provinzen eilten Tausende an die Bahn-höfe, um durch ihr begeistertes Hurra dem König zu beweisen, daß sie eben so freudigwie die alten Provinzen Gut und Leben einsetzen wollten für die Ehre und UnabhängigkeitDeutschlands. Am 19. Juli wurde die französische Kriegserklärung in Berlin überreicht.

Der Aufmarsch. Die Vorbereitungen zur Mobilmachung waren in Deutschlanddurch v. Moltke und den Kriegsminister v. Roon so musterhaft getroffen, daß schon