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Lehrbuch der Geschichte für die oberen Klassen höherer Lehranstalten / von Friedrich Neubauer
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Germanische, vorzugsweise fränkische Zustände um 600.

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Sitte war allerdings eine wilde Roheit und nackte Selbstsucht, wiesie besonders in den Greueln des Merovingergeschlechts hervortrittund von der sich selbst die Diener der Kirche nicht srei hielten. Erstallmählich äußerte das Christentum seine Kraft auf die Gemüter; inso furchtbarer Zeit war die Neigung zur Weltflucht und Askesenatürlich; viele suchten ihre Sünden durch Geschenke an die Kirchezu sühnen. Andrerseits wurde, wie die Germanen christianisiertwurden, so auch das Christentum germanisiert: dem ger-manischen Recken erschien Christus als der Gefolgsherr, dem der Christin Mannentreue zu dienen hatte; der Wunder- und Reliquienglaubesteigerte sich, da der Sinn des Naturvolkes am sinnlich Wahrnehm-baren, Symbolischen haftete; der Bußbegriff wurde vielfach veräußer-licht, und Sünden gegen Gott erschienen gar manchem durch Gabenan Geld und Gut ebenso sühnbar wie Vergehen gegen Menschen

§ 36. Politische Verhältnisse. Der fränkische Staat. An Stelleder Gemeindefreiheit war bei den Völkern, die ihre alten Sitze ver-lassen hatten, das Königtum getreten. Die Wanderungen undKriege forderten eine starke Gewalt an der Spitze des Staats; dieBildung großer Nationen, die Zerstreuung der Volksgenossen überweite Gebiete erschwerten das Zusammentreten der Volksversamm-lung, die mehr und mehr abstarb; eine besondere Förderung erfuhrdie königliche Macht dadurch, daß der König den Römern gegenüberin die absolute Regierungsgewalt des Kaisers eintrat.

Die fränkischen Könige führten das Volksheer; sie ^ Wntge.leiteten die Verwaltung und ernannten die Beamten; sie bildeten,dem Volksgericht gegenüber, eine königliche Gerichtshoheit aus; siebesaßen das Recht des Bannes, d. h. Gebote und Verbote zu er-lassen und Strafen zu verhängen. Ihre Einkünfte waren teils Einkünfte,römischen Charakters, wie die Steuern der Rönier, die man vergeblichversuchte auch den Franken aufzuerlegen, und die Straßen-, Brücken-und Hafenzölle, teils germanischer Herkunft, wie die Geschenke, welchedie Franken ihnen darbrachten, und die Gerichtsbußen; die wichtigstenEinkünfte aber waren die Erträge der weitausgedehnten Krongüter.

Die Beamten waren teils Provinzialbeamte, teils solche der Cen- Beamte,tralverwaltung. Die ersteren waren Grafen und Herzöge. DieGrasen (oornttss) verwalteten als Stellvertreter des Königs dieGaue, führten das Aufgebot, beaufsichtigten die königlichen Ein-nahmen, leiteten die Gerichtstage. Die Herzöge standen an derSpitze größerer Landesteile; die Stammesherzöge der Bayern, Ala-mannen, Thüringer und der Aquitanier besaßen eine große Selb-ständigkeit. Die wichtigsten Beamten der Centralverwaltung,aus dem königlichen Gefolge hervorgegangen, waren der Seneschalk