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Leitfaden zur Geschichte des deutschen Volkes / von David Müller
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171
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Kaiser Friedrich. Kaiser Wilhelm II. §§ 260262. 171

er gestorben war. Als die sterblichen Überreste des entschlafenen Kaisersam 16. März die in großartig würdiger Weise geschmückten Linden ent-lang nach dem Mausoleum in Charlottenburg, der Ruhestätte der geliebtenEltern, geführt waren, als er den Seinen ganz genommen war, da zitter-ten aller Deutschen Herzen vor Schmerz und Wehe. Nur das Bewußt-sein, daß man es dem großen Toten schuldig sei, sich nicht vom Leidübermannen zu lassen, hielt alle aufrecht. Und so ward wahr und wirdimmer von neuem wahr werden, was Fürst Bismarck am Todestage desKaisers tief erschüttert vor dem tieftrauernden Reichstage aussprach:Dieheldenmütige Tapferkeit, das nationale hochgespannte Ehr-gefühl und vor allen Dingen die treue, arbeitsame Pflicht-erfüllung im Dienste des Vaterlandes und die Liebe zum Vater-lande, die in unserem dahingeschiedenen Herren verkörpertwaren", sie werdenein unzerstörbares Erbteil unserer Nationsein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser unshinterlassen hat."

K 261. Kaiser Friedrichs Regierungsantritt, Leide« und Tod.

Am 9. März war Kaiser Wilhelm gestorben, am 11. kehrte sein todkrankerSohn und Nachfolger Kaiser Friedrich aus Italien in sein Preußenlandzurück. Die Pflicht rief, und der Held kam, obschon die furchtbare Krank-heit ihm am Leben zehrte, kam, um seinen Platz einzunehmen und aus-zufüllen bis zum Ende. Wie ganz anders hatten sich seine Deutschen denRegierungsantritt des Helden von 1866 und 1870 gedacht! Und dochwar das, war er nach seines großen Vaters Tode für Deutschland nochgeleistet, die größte Heldenthat seines Lebens. Nur drei Monate hatihn Gott auf seinem Posten gelassen, aber in dieser Zeit ist der hin-sterbende Kaiser seinen Deutschen ein leuchtendes Vorbild geworden.Lerneleiden, ohne zu klagen", das war die Mahnung, die er, der schon langedarauf verzichten mußte, zu den Seinen zu sprechen, seinem geliebtenSohne, unserem Kaiser und König Wilhelm II., aufschrieb; es ist eineMahnung, die er uns allen mitgegeben und die wir beherzigen sollen undwollen, aber nachdrücklicher ist die Mahnung, die er nicht besonders nieder-geschrieben, die er uns aber gepredigt hat mit jedem Tage, mit jederStunde seiner Herrscherthätigkeit:Thue deine Pflicht zu allen Stunden,in Leid und Siechtum, in Not und Tod, zu jeder Zeit!" Am 15. Juni 1888,starb der hehre Dulder zu Potsdam, wohin er erst 14 Tage vor seinem 15. JuniTode übergesiedelt war, in demselben Schlosse, da er geboren.

§ 262. Kaiser Wilhelm II. 1 . Schweres hatte Gott uns Deut-schen auferlegt in dieser ersten Hälfte des Jahres 1888, keinem Schwereresals unserem Kaiser Wilhelm II., der nun in der frischesten Manneskraft er ist am 27. Januar 1859 geboren den Thron seiner Väter bestieg. 1859,

Den ruhmgekrönten greisen Großvater mußte er sterben sehen, der Helden- 27. Januarhafte Vater schwand unter seinen Augen vor der Macht der furchtbaren