Band 
Erster Teil.
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62. Charakter Theodosius’des Großen, 379—395.

Auszug ans der Kaisergeschichte, 48.

Theodosius war, so viel sich aus den Nachrichten der Altenund aus Gemälden schließen läßt, dem Trajan in Hinsicht desCharakters und des Äußern sehr ähnlich: derselbe hohe Wuchs,derselbe Gliederbau, dasselbe Haar und das gleiche Gesicht,nur daß jener durch häufiges Ausraufen der Haare bartloseWangen und keine großen Augen hatte, vielleicht auch nichtdieselbe Anmut, dieselbe Frische im Gesicht oder dieselbe Würdeim Gang. Ihr Charakter aber war ganz gleich, so daß sich keinZug anführen läßt, der nicht aus der Geschichte Trajans aufTheodosius übertragen werden könnte. Er war sanftmütig, mit-leidig, herablassend und glaubte, nur in der Kleidung von andernunterschieden zu sein; er begegnete allen Menschen mit Achtung,besonders aber tugendhaften. Menschen von offenem, schlichtemCharakter schätzte er; die Gelehrten, wenn sie nicht unwürdigeMenschen waren, achtete er ungemein. Er machte großmütigreichliche Geschenke; seine Mitbürger oder Männer, die er imPrivatumgang kennen gelernt hatte, liebte er und belohnte siemit Ehrenstellen, Geld und anderen Wohltaten, namentlich die-jenigen, deren tätige Freundschaft er oder sein Vater in minderglücklichen Verhältnissen erprobt hatten. Indes diejenigen Feh-ler, welche auf Trajans Charakter einen Schatten werfen, ichmeine Liebe zum Wein und die Sucht nach Triumphen, verab-scheute Theodosius durchaus. Die Kriege, die er führte, hatteer nicht erregt, sondern vorgefunden; er verbot durch ein Gesetz,Spaßmacher und Saitenspielerinnen zu Gastmählern beizuziehen.Er hatte so hohe Begriffe von Keuschheit und Zucht, daß erdie Heiraten mit Geschwistertöchtern wie mit Schwestern unter-sagte. Seine wissenschaftlichen Kenntnisse waren im Vergleichmit vollkommenen Gelehrten nur mittelmäßig; allein er warsehr scharfsinnig und verwandte viel Fleiß auf die Kenntnis,der Geschichte der Vorzeit. Gegen Männer, von welchen er über-mütige, grausame und für die Freiheit gefährliche Handlungen'las, z. B. einen Cinna, Marius, Sulla und gegen alle Despoten,namentlich aber gegen treulose und undankbare Menschen,äußerte er einen fortwährenden Haß und Abscheu. So leicht Theo-dosius über unwürdige Gegenstände zürnte, so bald wurde erwieder besänftigt: ein kleiner Aufschub milderte oft einen stren-