Band 
Dritter Teil.
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34. Aus Melanchtlions Trauerrede au Luthers Sarg,

22. Februar 1546.

Corpus reformatorum, Philippi Melanthonis opera <juae snpersumtomnia, herausgegeben von C. G. Bretschneider, Bd. XT, S. 726 ff. Bearbeitetvon Richter.

Nachdem in der Schloßkirche zu Wittenberg Bugenkagens Leichenpredigtvorangegangen war, trat Melanchtlion an den Sarg und sagte unter anderem:

Dr. Luther hat die wahrhaftige reine christliche Lehre, so zuvorin vielen vornehmen Artikeln verdunkelt, wieder an den Tag gebrachtund mit Fleiß erklärt; insbesondere hat er gelehrt, was rechte christlicheBuße sei und welcher da sei der gewisse, wahrhaftige und beständigeTrost der Herzen und Gewissen, so vor Gottes Zorn wegen der Sündenerschrocken sind. Desgleichen hat. er erklärt die rechte paulinische Lehre,welche sagt, daß der Mensch allein durch den Glauben vor Gott gerechtwerde. Desgleichen hat er auch gelehret, was rechte Anrufung Gottessei, und wie die geschehen soll im Glauben und guten Gewissen, undhat uns allein gewiesen zu dem einzigen Mittler, dem Sohne Gottes, nichtzu steinernen und hölzernen Bildern und Götzen, noch zu toten Menschenoder verstorbenen Heiligen.

Zudem, daß die reine Lehre auch auf die Nachkommen fortgepflanztund erhalten werden möge, hat er der Propheten und Apostel Schriftenin deutscher Sprache verdolmetscht so licht und klar, daß diese Dol-metschung noch viel mehr Lichts und Verstandes gibt dem christlichenLeser, denn vieler andern große Bücher und Kommentare. Und wie vondenen, so die Stadt Jerusalem bauten, beschrieben, daß sie mit einerHand am Bau arbeiteten und mit der andern das Schwert führten, alsohat er zugleich auch wider die Feinde der reinen Lehre müssen fechtenund doch daneben viel schöne Auslegungen voll tröstlicher Lehre ge-schrieben und vielen armen, irrigen und beschwerten Gewissen mitchristlichem Bat und Trost geholfen. Daß aber etliche geklagt, Dr. Lutherwäre etwas zu hart und rauh gewesen im Schreiben, davon will ichnichts disputieren, weder ihn zu entschuldigen, noch ihn zu loben, son-dern lasse es bei der Antwort, die Erasmus 1 oft gegeben: Gott habeder Welt zu dieser Zeit, darin große und schwere Seuchen und Gebrechenüberhand genommen, auch einen harten, scharfen Arzt gegeben.

Dazu muß aber auch ein jeder, der ihn recht erkannt, dieses be-zeugen, daß er sehr ein gütiger Mann gewesen, mit allen Beden hold-selig, freundlich und lieblich und gar nicht stürmisch, eigensinnig undzänkisch, und war doch daneben Ernst und Tapferkeit in seinen Wortenund Gebärden. Summa: es war in ihm das Herz treu und ohne Falsch,der Mund freundlich und holdselig. Es würde zu lang, von allen seinenTugenden zu sagen, doch will ich etliche anzeigen. Ich bin selbst oftdazu gekommen, daß er mit heißen Tränen für die ganze Kirche sein

1 Erasmus von Rotterdam, 1467—1536.