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erlaubte, um einige dieser Bücher zum Zeitvertreib. Allein in jenemSchlosse fand sich kein einziges Buch der Art, und so gab man ihm dieNachfolge Christi 1 und ein Heiligenleben, beide in seiner Muttersprachegeschrieben. Das häufige Lesen dieser Bücher weckte in ihm einigesInteresse für ihren Inhalt, aber oft auch schweifte sein Geist von dieserUnterhaltung zu den Gedanken seiner früheren Lektüre. So manches Malweilte er im Geiste bei den nichtigen Dingen seiner früheren Zeit, jaer schwelgte mit Vorliebe in dieser Erinnerung.
Aber Gottes Barmherzigkeit fehlte auch nicht, sondern fügte es,daß die Gedanken der jetzigen Lektüre die alten Gaukelbilder verdrängten.Sooft er nämlich das Leben unseres Herrn Jesu Christi oder der Heiligenlas, dachte er bei sich: Wie, wenn ich das täte, was der heilige Fran-ziskus' 2 getan? Wie, wenn ich Sankt Dominikus 3 nachahmte? Und soverweilte er oft in diesen Gedanken, und immer nahm er sich selbstschwierige und gewichtige Taten vor. Solange er solches erwog, glaubteer auch die Kraft in sich zu verspüren, es leicht auszuführen, indem ernur den einen Schluß innerlich zog: Sankt Dominikus konnte dies voll-bringen, also- muß ich es auch können; der selige Franziskus brachtedas fertig, also muß es mir auch gelingen. Diese Vorstellungen hieltenimmer lange Zeit an; dann lösten sie andere Gedanken ab, und schließ-lich tauchten immer wieder jene eitlen Gaukelbilder der Welt auf undhielten ihn auch wiederum lange Zeit gefaugen.
Aber bei diesen Vorstellungen war folgender Unterschied: gab ersich den weltlichen hin, so empfand er zwar ein großes Vergnügen, abersobald sie anfhörten, fühlte er sich traurig und ausgedörrt. Wenn eraber von einer Wallfahrt nach Jerusalem träumte oder von Fasten undKasteiungen, wie er sie bei den Heiligen bemerkt hatte, empfand ernicht nur in diesem Augenblicke eine innere Freude, sondern sein Ge-müt blieb auch heiter, wenn diese Vorstellungen ihn verlassen hatten.Er selbst bemerkte zwar diesen Unterschied vorerst noch nicht, bis ihmeines Tages gleichsam die inneren Augen geöffnet wurden und er ihnstaunend wahrnahm und als Erfahrungstatsache feststellte, daß die eineArt von Vorstellungen Traurigkeit, die andere Freude hinterlasse. Unddas war die erste Erkenntnis, die er in geistlichen Dingen gewann.
Durch solche sehnsüchtige Stimmungen wurden jene eitlen Gedankenallmählich verringert und verschwanden schließlich ganz. Seine geistlicheSehnsucht hingegen wurde gesteigert durch folgendes Gesicht: In einerNacht erwachte er und sah deutlich die Gestalt der allerseligsten Gottes-mutter Maria mit dem Jesusknaben. Diese Erscheinung, die eine geraumeZeit anhielt, erfüllte ihn mit dem tiefsten Tröste, und es stellte siGh einsolcher Ekel vor seinem früheren Leben ein, daß er das Gefühl hatte,als ob alle jene Traumgestalten seine Seele verlassen hätten.
1 Das Leben Christi des Kartäusers Ludolf von Sachsen. — 2 Franz von
Assisi, 1182—1226. — 3 Domingo de Guzman, 1170—1221.