Band 
Dritter Teil.
Seite
274
JPEG-Download
 

274

ihrer politischen Jagend wegen gehegt habe, so ist sie doch seit einigenTagen noch weit mehr herabgesunken. Stelle Dir vor, 8000. der Unsernhaben 100 000 der Ihrigen gänzlich geschlagen, vernichtet, gefangengenommen oder zerstreut. Wahrlich! Seit Marathon und Salamis hates noch keinen so vollständigen Sieg gegeben, wo eine so große Machtvon einer so geringen vernichtet worden wäre. Meinem König, allen unsernGeneralen ,die gegenwärtig waren, möchte ich laut meinen Beifall und meinErstaunen an den Tag legen; und bewiese mir niilit die Wirklichkeit,daß ich im achtzehnten Jahrhundert lebe, so glaubte ich mich in der Zeitder Wunder zu befinden. Verzeihe Bester! diese Ausschweifung vergibmeinem Entzücken, es ist ein Nationaltrumpf, und indem ich dieses schreibe,fühle ich meine Würde als Krieger und Schwede doppelt.

Nun zur Hauptsache. Wie ich schon, als ich meinen letzten Briefan Dich schrieb, ahnte, mußte es zwischen uns, Polen und den Mosko-witern zum Bruch kommen; denn die von jenen uns zugefügten Be-leidigungen, die unredliche Besetzung ihrerseits von einigen unserer Pro-vinzen konnten unmöglich das Stillschweigen unseres Königs verursachen,sondern dieses Betragen mußte — wenn nicht die ganze Nation solltegeschändet werden — eine blutige Antwort erzeugen. VerschiedenerVorteile ungeachtet, die die Sachsen in Finnland unter ihres Flemmings 1und des von uns ausgetretenen Patknls' 2 Anführung erlangt hatten,scheiterte doch ihr Hauptentwurf [die Bemächtigung Rigas] durch unseresNestors, Dahlbergs 3 , heldenmütiges und kluges Benehmen. Moskau, wel-ches uns bisher immer geschmeichelt, uns die- festesten und teuerstenVersicherungen seiner Aufrichtigkeit, Treue und. Freundschaft gegebenhatte, zog nun auf einmal seine Larve ab und trat in einer häßlichenBlöße auf. Du bist unparteiisch, weder Schwede noch Moskowiter, und siehstmit unverblendeten Augen; sage daher selbst, ob nicht das moskowitischeManifest, das Dir aus den Zeitungen bekannt sein wird, unzureichende,mit Gewalt hergezogene und — fast möchte ich sagen — läppische Gründezu einem Kriege enthält? Und was wir vollends den Sachsen in denWeg gelegt haben, begreife ich nun ganz und gar nicht. Mit einem Worte;ungerechter ist wohl nicht leicht ein Krieg angefangen, aber auch gewißsind nie mehr gerechte Waffen von Gott gesegnet worden. Wahrscheinlichmochten jene Kriegslustigen glauben, einem achtzehnjährigen König will-kürliche Gesetze vorschreiben zu können, und vermutlich hielten sie unsjenem Helden bei Lützen, Breitenfeld und Nürnberg 4 unähnlich. UnserKarl und wir haben sie aus jenem, nur für sie schädlichen, für uns glor-reichen Irrtume gerissen.

1 Kursächsischer Staatsminister und Fehlmarschall, 1667—1728.

2 I.ivländischer Edelmann, 1660—1707. Als Verteidiger inländischer Rechtegegen Übergriffe Schwedens geächtet, trat er in die Dienste Sachsens und nachherRußlands. Im Frieden von Altranstädt lieferten ihn die Sachsen an Schwedenaus; Er wurde 1707 grausam hingerichtet.

3 Schwedischer Ingenieur und Feldherr, 1625—1703, bekannt als Festungs-bauer.

4 Anspielung auf die Taten Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg.