Band 
Vierter Teil.
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42. Eine Audienz bei Napoleon I., 22. Juli 1810.

K. A. Varnhagen von Ense, Denkwürdigkeiten des eignen Lebens,II. Teil, 2. Aufl., 1843, S. 232 ff. Gekürzt.

Karl August Varnhagen von Ense, geboren 1785 in Düsseldorf, gestorben1858 in Berlin, ein fruchtbarer und vielseitiger Schriftsteller, begleitete denösterreichischen General Prinzen Bentheim 1810 als Adjutant nach Paris, woer zur Audienz bei Napoleon I. vorgelassen wurde.

Nachdem man im Audienzsaale einen Halbkreis gebildet und sichin mehrere gedrängte Reihen gestellt hatte, kündigte bald der Ruf:«L’Empereur!» die Erscheinung Napoleons an, der von der hintern Seitedes Saales hereintrat. In einfacher blauer Uniform, seinen kleinen Hutunter dem Arm, ging er schwerfällig auf uns zu. Seine Haltung drückteden Widerstreit eines Willens aus, der etwas erreichen möchte, und eineVerachtung derjenigen, bei welchen es erreicht werden soll. Ein gün-stiges Erscheinen wäre ihm wohl lieb gewesen, und doch schien es ihmnicht recht der Mühe wert, der Mühe, die er sich darum geben sollte;denn von Natur hatte er es wahrlich nicht. Daher Nachlässigkeit undAbsicht abwechselnd in ihm hervortraten und nur in Unruhe und Miß-behagen Zusammenflüssen. . . .

Er sprach kurz, hastig, hingeworfen, die gleichgültigsten Sachenmit einer leidenschaftlichen Schnelle, ja wenn er gütig sein wollte, klanges immer noch, als sei er zornig. Ich habe kaum eine so rohe, unge-zähmte Stimme gehört als die seinige. Seine Augen waren dunkel um-wölbt, auf die Erde vor sich niedergeheftet und streiften nur ruckweise,schnell und scharf über die Anwesenden hin. Wenn er lächelte, solächelte bloß der Mund mit einem Teile der Backen, unbeweglich finsterblieben Stirn und Augen. Zwang er, wie ich späterhin wohl gesehenhabe, auch diese, so bekam sein Gesicht einen noch verzerrtem Aus-druck. Diese Verbindung von Lächeln und Ernst hatte etwas furcht-bar Abschreckendes. Ich weiß nicht, was ich von den Leuten denkensoll, die in diesem Gesicht Anmut und seine Freundlichkeit einnehmendgefunden haben. Waren doch seine Züge, bei unleugbarer plastischenSchönheit, wie Marmor hart und streng, jedem Vertrauen fremd, jederHerzlichkeit unfähig! Was er sprach, war immer, sooft ich ihn redenhörte, gering, sowohl dem Inhalt als dem Wortausdrucke nach, ohneGeist, ohne Witz, ohne Kraft, ja bisweilen ganz gemein und lächerlich. . .Sein Fragen glich nicht selten der Lektion eines Schulknaben, der, seinerSache nicht ganz gewiß, beständig leise für sich hersagt, was er fürden Augenblick des Gebrauchs sonst vergessen zu haben fürchtet. . . .

Der kleinliche Eifer, mit dem Napoleon auch in dem Kreise dergeselligen Mitteilung, der ihm ganz fremd ist, bewundert zu sein strebt,war sehr oft geradezu lächerlich; es mißlang ihm hier alles in demGrade, als ihm in andern Dingen, zu unserm Unglück, alles gelang.Er liebte zwar eigentlich nur, den Menschen etwas Beleidigendes oderwenigstens Unangenehmes zu sagen; allein auch dann, wenn er etwas