Band 
Vierter Teil.
Seite
99
JPEG-Download
 

99

anderes sagen wollte, brachte er es höchstens zum Unbedeutenden,und da traf es sich wohl einmal, daß er einer ganzen Reihe von Damen,wie ich in Saint-Cloud selber mit anhörte, zwanzigmal nur immer das-selbe Wort wiederholte: «II fait chaud.»

Wahr ist es, man führt sehr kräftige Machtworte von ihm an, undseine Befehle sind meistens streng und kurz; allein selbst darin ist mehrdie Macht bedeutend, und der Nachdruck der Worte kommt vom Kaiser,nicht vom Redner. Mehrere glückliche Einfälle, welche die Herumträgerseines Hofes ihm zuzuschreiben pflegten, gehörten andern an, die ihrgeistiges Eigentum, das der Kaiser einsteckte, ehrfurchtsvoll verleug-neten. Sprach er anhaltend, in größerer Fülle der Mitteilung, wie erdies auch oft liebte und sich dann grenzenlos in Redensarten erging,Tatsachen und Gründe mit größter Geläufigkeit aufeinanderhäufend, sovermißte man nur allzusehr Ordnung und Folge, Klarheit und Festigkeitder Begriffe; nur seine Zwecke und Absichten verlor er dabei nicht ausdem Auge, wiewohl er dieselben am wenigsten durch seine Reden,sondern sichrer durch andre Mittel, durch seine Überlegenheit als Feld-herr und durch das eiserne Machtgebot seines Willens erreichte. Indiesen Eigenschaften ist seine wahrhafte Größe, und man braucht ihmkeine andre .anzudichten, um in ihm stets einen der außerordentlichstenMenschen zu sehen, welche jemals erschienen sind. Die Gabe schönerRede und anmutigen Ausdrucks, deren Alexander, Cäsar und Friedrichteilhaft waren, hatte sich Napoleons Eigenschaften nicht gesellen können;sein Geist widersprach ihr, und noch mehr sein Gemüt.

Deshalb, weil er auf diesem Gebiete gar keine Waffen hatte undnichts erwidern konnte, war Napoleon auch so über alle Maßen empfindlichund aufgebracht, wenn irgendein geistreiches, scharfes oder scherzhaftesWort gegen ihn laut wurde, und ein spöttisches Lied, ein schmähenderWitz konnte ihn zu wahrer Wut bringen. In jener Zeit ging ein Liedauf seine zweite Vermählung umher, das, ganz im untersten Volkstongedichtet, doch ohne Zweifel seinen Ursprung in der höheren Klassehaben mußte. Der Kaiser sah seinen Glanz und seine Macht durch eingemeines Lied befleckt und schnaubte Rache; aber die Polizei wußteden Verfasser sowenig als die Verbreiter zu entdecken. Auch mir wardasselbe durch die Stadtpost ohne Namen in schlechter Abschrift zu-geschickt worden; ich hatte mich mit den vertrauteren Freunden heim-lich an den lustigen Versen ergötzt und konnte sie schon auswendighersagen. Sehr ungelegen traten mir jetzt, als grade der Kaiser übel-launig und finster an mir vorüberging, unwillkürlich Worte und Melodiejenes Liedes in den Sinn, und je mehr ich sie abweisen wollte, destoheftiger drängten sie sich hervor, so daß die von der Spannung desAugenblicks gereizte Einbildungskraft schon schwindelte und bei demgeringsten Anstoß unvermeidlich in das tödlichste Ärgernis stürzen zumüssen glaubte, — als glücklicherweise die Audienz ihr Ende erreichteund wiederholte tiefe Verbeugungen das Abtreten Napoleons begleiteten,der an mich keines seiner Worte, sondern nur einen durchdringenden Blickgewendet hatte, mit dessen Weiterschweifen eine wirkliche Gefahr mirzu schwinden schien.