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sich in den Fluß und wurde wie gestern größtenteils vom Treibeise fort-gerissen. So senkte sich endlich die Nacht herab, die diesem unbe-schreiblichen Greuel ein Ende setzte. . . .
Indessen setzte diesseits der Zug den Marsch gegen Zeinbin fort.Ich . . . machte mich endlich, von allen Bekannten verlassen, auch aufden Weg gegen Zembin. Noch nie fühlte ich mich so niedergeschlagenund mutlos wie heute; die Szenen des gestrigen und heutigen Tageshatten mein Innerstes so ergriffen, daß ich für die Erhaltung meineseigenen Lebens ganz abgestumpft wurde. Ein kalter Wind und Glatteisvermehrten noch meinen Trübsinn. . . . Bei anhaltendem Kanonendonner. . . erreichte ich das halb abgebrannte und größtenteils abgebrocheneZembin, wo wegen Überfüllung der wenigen Häuser an ein Unterkommennicht zu denken war. Ich machte mich an die Biwakfeuer der Fran-zosen ; diese waren aber so dicht besetzt, daß ich das Feuer zwar sehen,aber seinen wohltätigen Einfluß nicht empfinden konnte. Es war eineschauerliche Nacht, die ich hier ohne Nahrung auf dem Schnee zubrachte;mit dem traurigen Gedanken, den künftigen Tag nicht mehr zu erleben,legte ich mich nieder. . . .
29. November. Sonntag. Wunderbar neugestärkt, verließ ich meinkaltes Lager auf weichem Schnee und eilte der Brandstätte von Zembinzu, um mir in dem kupfernen Kesselchen, welches ich früher einem Totenabgenommen hatte, einen Kaffee zuzubereiten, der, wiewohl nur aufeinem Steine zerrieben, den Magen wohltätig erwärmte. . . . Auf meinerweiteren Wanderung entging mir nicht, daß die Armee nun ein ganzandres Ansehen als vor dem Beresinaübergang angenommen hatte. Mansah selten mehr Kanonen, Wagen, Schlitten und Pferde; beinahe sämt-liche Generale und höheren Offiziere hatten ihre Equipagen und Reit-pferde zurücklassen müssen und besaßen gleich den andern nichts mehr,als was sie auf dem Leibe trugen. . . . Die ganze Armee hatte nun kaum40 000 Bewaffnete in ihren Reihen; sämtliche Reiteroffiziere, die nochberitten waren, bildeten unter dem König von Neapel 1 und zum SchutzeNapoleons die sogenannte Heilige Schar; diese bestand aus vier Kom-panien zu 150 Mann. . .
30. November. Vormittags gegen zehn Uhr verließen wir dasDorf Kamen. Das Gedränge war auf der Straße um so größer, da sichwenige Wagen in dem Troß befänden; man konnte nur langsam vor-wärts schreiten. ... Die Kälte nahm wieder zu und mit ihr noch größereLeiden, als uns der Feind zufügen konnte. Viele Menschen blieben ent-kräftet zurück, wiewohl wir nur kleine Märsche machen konnten; die langenNächte, in denen das ruhige Blut im Körper beinahe erstarrte, waren aberunsere fürchterlichsten Feinde; auch die Kraft meines armen Dieners nahmheute schnell ab; er war kaum imstande, Schritt mit mir zu halten. . . .
Was wir in diesen langen Nächten zu leiden hatten, kann nichtgeschildert werden. Das schnell auflodernde Feuer schrumpfte auf einerSeite die auftauenden Glieder zusammen, während auf der entgegen-gesetzten Seite der Frost doppelt empfunden wurde. Die zerlumptenKleider wurden durch darauffallende Kohlen immer mehr bis auf die
1 Über Murat vgl. Fußnote 2 auf S. 102.