Band 
Vierter Teil.
Seite
125
JPEG-Download
 

125

in unerwartet begünstigtem Anwachsen die bisherigen Berechnungenverwirrte und bedrohte. Dies war der Einfluß des wiederhergestelltenFrankreichs. Allerdings hätten früherhin die Sieger alle Macht undBefugnis gehabt, dem besiegten Frankreich den Zutritt zu Verhandlungenzu versagen, welche gleichsam der letzte Abschluß derjenigen Ereignisseund Bestimmungen sein sollten, durch die, ohne Frankreich und gegenFrankreich, dieses selbst erst wieder in seiner jetzigen Gestalt erstandenwar. In der Tat konnte es unbillig dünken und gefährlich sogar, diesesnoch gärende und in vieler Hinsicht dem übrigen Europa fortwährendfeindliche Frankreich in die Gemeinschaft der bevorstehenden Staaten-beratung als gleichberechtigtes Mitglied unbedingt aufzunehmen; alleindie Aufrichtigkeit der Versöhnung schien diesen Beweis des Vertrauensgewähren zu müssen, das wiedereingesetzte bourbonische Herrscherhausdurfte ihn dringend fordern, und nicht die Großmut der Gesinnungenallein, sondern auch wichtige Gründe der Staatsklugheit hatten für dieZulassung entscheiden müssen, denn es war allerdings von großer Be-deutung, den neuen Festsetzungen, welche die Grundlage des künftigenpolitischen Bestandes von Europa werden sollten, den Anteil und dieMitverpflichtung eines Staates nicht fehlen zu lassen, der seiner Lage undBeschaffenheit nach unfehlbar binnen kurzem wieder in die Reihe dergroßen Mächte zu treten berufen war. . .

Während aber die Geschäfte stockten oder ihren Anfang noch un-sichtbar zu spinnen hatten, war der Weltschauplatz erfüllt von regemLeben, und in raschem Wechsel drängten sich Gestalten und Ereignisse.Die Anwesenheit der größten Herrscher, so vieler königlichen und fürst-lichen Häupter, der höchsten Frauen, umgeben von der Blüte der vor-nehmsten Geschlechter aller Länder, rief in täglich wiederkehrendenAnlässen alle Pracht und Üppigkeit der Kaiserstadt zu erneuerter Be-wegung auf. Feste folgten auf Feste, die Schau- und Tanzlust erhielt'volle Befriedigung. Treffend scherzte der alte Fürst von Ligne 1 : «Lecongres danse bien, mais il ne manche pas!» und das glückliche Wortflog schnell durch ganz Wien, ja durch Europa, zum Ergötzen auchderer, die es treffen konnte; denn wo ein Allgemeines krankt, fühlt sichder einzelne kaum noch verantwortlich. . . .

An Glanz und Geschmack ragte besonders ein von dem Fürstenvon Metternich 2 gegebenes Fest hervor, wo die große Welt alles, wasihrer durch Schönheit und Auszeichnung würdig schien, herangezogenhatte. Das Fest blieb lange Zeit für die Teilnehmer der Gipfel allerprächtigen Erscheinung, und weit und breit wurde davon gesprochen...Ein zweites Fest, dessen Pracht und Herrlichkeit alles überstieg, wasman bis dahin gesehen hatte, war ein Karussell in der dazu wunderbar.

1 Karl Joseph Fürst von Ligne, 1735—18(4, war österreichischer Feldmarschallund berühmt als geistvoller Schriftsteller. Er starb während des Kongressesund wurde prunkvoll bestattet.

2 Der bekannte österreichische Minister und spätere Haus-, Hof- undStaatskanzler.