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Der Krieg ist eine ganz eigene Kunst. Ich habe sechzig Schlachtengeliefert; nun, ich versichere Ihnen, ich habe nichts gelernt, was ichnicht schon gleich bei der ersten wußte. Nehmen Sie zum BeispielCäsar: er schlägt sich das erstemal genau so wie das letztemal. Einegute Armee wäre die, wo jeder Offizier wüßte, was er je nach den Um-ständen zu tun hat. Die beste Armee ist diejenige, die diesem Idealam nächsten kommt. Ich bemesse meinen eigenen Anteil am Gewinnder Schlachten, in denen ich gesiegt habe, nur auf die Hälfte, und esist schon viel für einen General, wenn er überhaupt genannt wird; dennin Wirklichkeit ist es das Heer, das die Schlacht gewinnt.
Um ein guter General zu sein, muß man Mathematik können; dasdient einem bei tausend Gelegenheiten zur Berichtigung von Ideen. Viel-leicht verdanke ich meinen Erfolg meinen mathematischen Begriffen; einGeneral darf sich niemals Gemälde vorstellen: das ist das Schlimmstevon allem. Wenn ein Parteigänger eine Feldwache aufgehoben hat, somuß man deshalb noch nicht glauben, die ganze feindliche Armee rückean. Mein großes Talent, das, was mich am meisten auszeichnet, bestehtdarin, daß ich in allem klar sehe. Auch die mir eigentümliche Art vonBeredsamkeit beruht darauf, daß ich das Wesentliche einer Frage vonallen Seiten betrachte. Die Senkrechte ist kürzer als die Schräge! Diegroße Kunst der Schlachten besteht darin, daß man während des Ge-fechtes seine Operationslinie verlegt; dies war eine Idee von mir, dieganz und gar neu ist. Hierdurch gewann ich den Sieg bei Marengo 1 :der Feind warf sich auf meine Operationslinie, um sie zu durchbrechen;ich hatte diese gewechselt, und da fand er sich selbst durchbrochen.
Eine Schlacht ist immer eine ernste Sache; der Gewinn hängt oft-mals von ganz geringen Umständen ab. Man wagt jedesmal viel, wennman eine liefert, und man darf dies daher niemals riskieren, als wennman dazu gezwungen ist, zum Beispiel, wenn der Feind die Operations-linie durchbrochen hat. Man darf niemals die Vereinigung getrenntmarschierender Heerkörper in der Nähe des Feindes vollziehen. DieKriegskunst verlangt keine komplizierten Manöver, die einfachsten sindvorzuziehen ; man muß vor allen Dingen gesunde Vernunft haben. Wennman sich dies vor Augen hält, so begreift man nicht, wie GeneraleFehler begehen können; das kommt daher, weil sie sich geistreich zeigenwollen. Das Schwierigste ist, die Absichten des Feindes zu erraten, inall den Rapporten, die man empfängt, die Wahrheit zu erkennen. Dasübrige verlangt nur gesunde Vernunft. Es ist wie bei einem Faustkampf:je mehr Hiebe man austeilt, desto besser. Auch ist es notwendig, sorg-fältig die Karte zu lesen, Heinrich IV. 2 war ein guter Soldat, aber zujener Zeit war zum Kriegführen nur Mut und klarer Verstand nötig; eswar ganz etwas anderes als jetzt, wo man mit großen Massen Krieg führt.Die Soldaten dürfen ihre Feinde nicht zählen. In Italien waren wirimmer einer gegen drei, aber die Soldaten hatten Vertrauen zu mir.Die moralische Kraft, mehr als die Zahl, entscheidet den Sieg!
1 Am 14. Juni 1800.
2 König von Frankreich, 1589—1610.