224
so kam es ihm nicht darauf an, jeden Abend bis in das entgegengesetzteStadtende zu gehen, um ihr bei ihren Studien zu helfen. Der jungeMann, der keine Hand rührte, einer Dame eine Tasse Tee zu reichen, über-ließ einem Mädchen, das studienhalber nach Moskau oder St. Petersburgkam, seine einzige Privatstunde, die ihm seinen Lebensunterhalt ver-schaffte, mit den leichten Worten: «Ein Mann kann leichter Arbeit findenals eine Frau. In meinem Anerbieten soll nichts Ritterliches liegen, esentspringt nur dem Gefühle der Gleichheit und Brüderlichkeit.» . . .Während der Jahre 1860 bis 1865 fand fast in jeder reichen Familieein erbitterter Kampf statt zwischen den Vätern, die die alten Tradi-tionen aufrechterhalten wollten, und den Söhnen und Töchtern, die fürdas Recht stritten, ihr Leben nach ihren eigenen Idealen einrichten zudürfen. Vom Dienst im Heer, vom Ladentisch, von der Werkstätteströmten die jungen Männer nach den Universitätsstädten. Mädchenaus den vornehmsten Häusern eilten ohne einen Pfennig nach St. Peters-burg, Moskau und Kiew, voll eifrigen Verlangens, etwas zu erlernen,das sie vom häuslichen Joche und vielleicht auch von dem drohendenEhejoche freimachen könnte. Nach hartem und erbittertem Kampfeerrangen auch viele diese persönliche Freiheit. Nun wollten sie sieaber nützlich anwenden, nicht zu eigenem, persönlichem Gewinn, son-dern um dem Volke das Wissen, das sie selbst freigemacht hatte,zu übermitteln.
In jeder russischen Stadt, in jedem Viertel St. Petersburgs bildetensich kleine Gruppen zum Zwecke der Selbstbildung und des Selbstunterrichts.Man las in diesen Kreisen mit großer Aufmerksamkeit philosophische undvolkswirtschaftliche W T erke wie die Forschungsergebnisse der jungrussi-schen historischen Schule, und an das Lesen schlossen sich endlose Be-sprechungen, deren Ziel die Lösung der großen ihnen immer vor Augenschwebenden Frage war: «Wie können wir uns der großen Masse nützlicherweisen?» Allmählich kamen sie zu der Überzeugung, das einzige Mittelwäre, sich unter dem Volke niederzulassen und am Leben des Volkesunmittelbar teilzunehmen. Nun gingen junge Männer als Ärzte, Heil-gehilfen, Lehrer, Dorfschreiber, selbst als landwirtschaftliche Arbeiter,Schmiede, Holzfäller usw. in die Dörfer, um dort in inniger Berührungmit den Bauern zu leben. Die Mädchen bestanden die Lehrerinnen-prüfung, bildeten sich als Hebammen oder Pflegerinnen aus und gingenzu Hunderten in die Dörfer, um sich gänzlich dem Dienst der Ärmstenzu weihen.
Dabei schwebten ihnen damals noch keine Ideale sozialer Um-wälzung oder irgendwelche Gedanken an Revolutionen vor; einzig undallein war es ihr Ziel, die Massen der Bauern lesen zu lehren, siezu unterrichten, ihnen ärztlichen Beistand zu gewähren oder sonst beiihrer Erhebung aus Nacht und Elend mitzuhelfen und zugleich vonihnen zu erfahren, welcher Art ihre Ideale von einem besseren sozialenLeben wären.