Band 
Vierter Teil.
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eine Handtasche, welche die Spuren langen Gebrauchs zeigte. SeineRechte hatte er freigehalten zum Händeschütteln, das nicht aufhörte, bisjeder in dem Waggon befriedigt zu sein schien. Ich war in Washingtonund im Westen Männern im öffentlichen Leben begegnet, deren Äußeresungeschliffen war, doch keinem, dessen Erscheinung ganz so ungeschickt,um nicht zu sagen grotesk war wie Lincolns. Er begrüßte mich wieeinen alten Bekannten, mit einer zwanglosen Herzlichkeit, da man ihmmitgeteilt hatte, daß ich an der Kampagne teilnehme, und wir setztenuns nebeneinander. Mit einer Stimme von hoher Tonlage, aber von an-genehmer Klangfarbe fing er an, mit mir zu sprechen. . . . Als er mich,den Anfänger in der Politik, dann mit vollkommener Unbefangenheitbefragte, was ich über dieses und jenes dächte, hätte ich mich durchsein Vertrauen sehr geehrt fühlen können, wenn mir sein Wesen erlaubthätte, ihn als großen Mann zu betrachten. Aber er sprach in so ein-facher, vertraulicher Weise und sein Auftreten und seine schlichte Aus-drucksweise waren so gänzlich frei von jedem Schein anspruchsvollenSelbstbewnßtseins, daß mir bald zumute war, als habe ich ihn meinganzes Leben gekannt und als wären wir schon lange gute Freundegewesen. Er würzte seine Unterhaltung mit allerhand drolligen Ge-schichten, alle mit einer witzigen Pointe, welche sich auf unseren Ge-sprächsgegenstand bezog, und nicht selten wurde das Argument dadurchso abgeschlossen, daß nichts mehr zu sagen übrigblieb. Er schien seineeigenen Scherze auf kindliche Weise zu genießen, denn seine gewöhn-lich so traurig blickenden Augen blitzten dann mit einem lustigen Auf-leuchten ; er selbst führte das Gelächter an, und sein Lachen war so echt,herzlich und ansteckend, daß alles darin einstimmen mußte. —

Lincoln 1 hatte großen Respekt vor den überlegenen Kenntnissenund der höheren Bildung anderer Menschen. Sie flößten ihm aber keineEhrfurcht ein. Er scheute sich in der Tat vor niemandem und vornichts, in dem Sinne, daß er eine scheinbare Überlegenheit anerkannte,die ihn gezwungen hätte, im geringsten die Unabhängigkeit seines Ur-teils oder seines Willens aufzugeben. Er wäre dem größten Manne derWelt — dem größten, was geistige Fähigkeiten oder was Stellung oderMacht anbetraf — mit gänzlicher Unbefangenheit entgegengetreten, alswenn er sein ganzes Leben mit solchen Menschen zu tun gehabt hätte.Als er sein Kabinett bildete, wählte er die ersten Anführer seiner Partei,die um diese Zeit wohl als die ersten Leute im Lande gelten konnten,ohne das geringste Bedenken, daß ihr Ansehen oder ihre Fähigkeitenihn in den Schatten stellen möchten. Er erkannte immer das Verdienstanderer an, ohne jegliche Furcht, dabei sein eigenes einzubüßen.

Das Urteil oder den Rat keines noch so hochgestellten Menschenschätzte er nach anderem Maßstabe als nach dem wahren Wert, den erihm selbst beilegte. Keine Frage von noch so ernster Bedeutung hätteseinen Geist verwirren können; war sie auch noch so groß und wichtig,er beurteilte sie nach den Regeln gewöhnlicher Logik und des gesunden

1 Von hier ab bezieht sich die Schilderung auf das Jahr 1862; 1860 warLincoln zum Präsidenten der Union gewählt worden.