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Menschenverstandes. Er begegnete daher Staatsmännern mit imposantenTiteln mit vollständig natürlicher, ungekünstelter Selbstachtung wie seines-gleichen. Er betrachtete die großen Staatsangelegenheiten wie einfacheGeschäftssachen, die er als Berufspflichten behandeln mußte, und erliebte es, diese Angelegenheiten mit seinen Freunden in einfacher, un-gezwungener Sprache zu beraten. Auch die ernsten Fragen erheiterteer mit seinem Humor, obgleich die Prinzipien und die Sympathien, nachdenen er sie behandelte, tief und fest in seinem Geist und in seinemHerzen wurzelten.
Man kann sagen, daß, wenn es keinen Mann gab, dessen Meinungenmehr seine ganz persönlichen waren, es auch niemand gab, der empfäng-licher war für aufrichtigen Eat oder toleranter gegen abweichende Kritik.Ich habe Männer in Stellungen von großem Einfluß im öffentlichen Lebengekannt, die jede Mißbilligung ihrer Handlungsweise oder ihrer Äuße-rungen als persönliche Beleidigung betrachteten und jeden Gegner alseinen Feind ansahen. Nichts hätte Lineolns Gefühls- und Denkweise ferner-liegen können, als eine noch so große Meinungsverschiedenheit zwischensich und einem Manne, den er sonst für aufrichtig hielt, übelzunehmen.Wenn er mißverstanden oder angegriffen wurde, so forderte er den Be-treffenden zu einem freundlichen Austausch der Ansichten und Meinungenauf, anstatt ihn von seinem Verkehr anszuschließen. War dann keineÜbereinstimmung in den Ansichten zu erreichen, so erreichte er wenig-stens das freundliche Einverständnis, bei den abweichenden Meinungenohne Bitterkeit zu verharren. Die Geduld, mit welcher Lincoln die oftsehr ungerechte Kritik anhörte, wurde bald bekannt und sehr oft aufdie Probe gestellt, ohne die Güte seines Herzens zu beeinträchtigen oderseine Gemütsruhe zu stören. . . .
Zur Zeit, von der ich spreche, war Charles Sumner 1 wohl derjenigeunter Lineolns regelmäßigen Besuchern, der am schwersten zufrieden-zustellen war, weil die beiden Männer mit gleicher Aufrichtigkeit diegroße Frage des Tages von zwei so verschiedenen Gesichtspunkten be-trachteten. Lincoln schätzte Sumner als das ausgesprochene Gewissender fortgeschrittenen Antisklavereivertreter, deren Vertrauen und Mit-wirkung im gemeinsamen Kampfe ihm von höchster Bedeutung war.Während es all seiner Standhaftigkeit bedurfte, Sumners Drängen zuertragen, widersetzte sich Lincoln doch nicht Sumners öffentlicher Agi-tation für eine sofortige Emanzipationspolitik, obgleich sie nicht mit denMaßregeln der Regierung übereinstimmte; er begünstigte im Gegenteil alles,was das Volk für die kommenden Entwicklungen vorbereiten konnte. —
Was midi betraf, so fühlte ich mit Sumner, aber gleichzeitig lernteich Lincoln immer besser verstehen. Er war völlig aufrichtig, wenn ersagte, daß er als Haupt der Regierung es als wichtigsten Zweck be-trachten müsse, die Union zu retten, sei es nun mit oder ohne Unter-
1 1811—1874; Schurz charakterisiert ihn an anderer Stelle, S. 239: «Eingeborener Puritaner, von Instinkt und Bildung ein Aristokrat, ein Demokratdurch Studium und Überlegung, ein Revolutionär durch die doktrinäre Wuchtseines Willens, der Welt um jeden Preis seine Prinzipien aufzuzwingen.»