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tz. 152.
Geschichte der alten Welt.
Seeseite her Deutschland hart bedrängte, so gelangte die Römerherrschaft aufdem rechten Rheinufer doch zu keiner Festigkeit und Dauer. Stürme zer-schlugen die Flotte, unwegsame Gegenden und das Schwert der Germanenbrachten die Landheere an den Rand des Untergangs; und als zuletzt Ger-maniens von seinem neidischen Oheim Tiberius, der mittlerweile tue Herr-schaft in Rom angetreten hatte, abberufen wurde und bald nachher in Syrienfernen Tod fand, erhielten die Deutschen Ruhe vor der römischen Eroberungs-sucht. Nunmehr kehrte aber der niederdeutsche Cheruskerbund seine Waffengegen den oberdeutschen Markomannenbund, an dessen Spitze Marbodstand, was den Römern Gelegenheit gab, von Süden her Deutschland zu ver-wirren. Marbod wurde aus dem Lande getrieben und nahm seine Zuflucht zuden Römern, die ihm achtzehn Jahre lang in Ravenna das Gnadenbrot reichten;Hermann aber wurde von neidischen Freunden ermordet. Seine Thaten lebtenim Liede fort, und unser Zeitalter unternahm es, dem Befreier Deutschlands indankbarer Erinnerung eine kolossale Statue auf dem Teutberge bei Detmvldzu setzen. Thusnelda starb in römischer Gefangenschaft, ihr in der Fremde ge-borener Sohn (Thumelicus) wurde, wie neuere Forscher und Dichter aus einerdunkeln Andeutung bei Tacitus geschlossen haben, zu Ravenna als Gladiatorerzogen. Durch Germanicus' Tochter, die jüngere Agrippina (H. 154), kamdie alte Ubierstadt Köln (Oolonia ^Zrixxina) zum Anfang ihrer Blüte.
H. 152. Tacitus über die Sitten und Einrichtungen der Deutschen.Etwa hundert Jahre nach Augustus verfaßte der große Geschichtschreiber Tacitus(derselbe, der in seinen Annalen und Historien die Geschichte der römischenKaiserzeit mit so tiefer Menschenkenntnis und mit so viel Freimut und Kunst dar-gestellt) die „Germania", eine Schilderung des deutschen Landes und seiner Be-wohner nach ihren Sitten, Einrichtungen und Lebensformen, vielleicht in der Absicht,der einheimischen Verfeinerung und Sittenlosigkeit ein „kräftiges Naturleben" ent-gegenzustellen, ein goldenes Büchlein, dem wir die erste genauere Kunde über unserVaterland und unsere Voreltern verdanken. Wir erfahren daraus, daß Deutschlandvon einer großen Zahl unabhängiger, oft verbündeter, oft mit einander kriegenderVölkerschaften bewohnt war, die, einem inneren Wanderungstrieb folgend, häufigihre Sitze wechselten und teils von Volkskönigen aus bestimmten Geschlechternregiert wurden, teils in republikanischen Formen sich bewegten. Außer denerwähnten Stämmen zwischen Rhein und Elbe finden wir am Westufer derElbe die Langobarden, an der germanischen Donau und später in Böhmendie Markomannen (Grenzer), an der ungarischen Donau die Quaden, irnOder- und Weichselgebiet die Wandalen, in Schlesien die Ost-Sueven, zudenen die Semnonen und Burgunder gehörten, in Thüringen die Hermun-duren, am frischen Haff zwischen Weichsel und Pregel die Gothen, an derNiederelbe die Sachsen, an die sich südöstlich die Angeln anschlössen, an denKüsten der Ostsee die Heräler und Rugier, an der Nordseeküste die Friesen, inder cimbrischen Halbinsel, dem heutigen Schleswig-Holstein, die Reste der altenKimbern und Teutonen, auf dem linken Rheinuser die von den Römern unter-worfenen Rauräker (mit Äugst der Mutterstadt von Basel), die Nemeter (mitSpeier und Straßburg), die Vangionen in Worms und die Trevirer in Trier?Die Hauptbeschäftigungen der Germanen waren Jagd und Krieg; Städte undBurgen bauten sie nicht; ihre Höfe und Hütten lagen zerstreut in der Mitte ihresEigentums, ein ruhiges Leben hinter Mauem mißfiel ihrem Freiheitssinn und ihrerStreitlust. Wichtige Anliegen verhandelten sie in der öffentlichen Volksgemeinde,wo alle freien Gutsbesitzer einer Gaugenossenschaft zu bestimmten Zeiten sich ver-sammelten und zwar in Waffen. Hier wurden Beschlüsse über Krieg und Friedengefaßt, hier die Heerführer, Gaurichter (Grafen) und Priester gewählt, hierdie reife Jugend wehrhaft gemacht und in den Gemeindeverband oder die Mark-