Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
202
JPEG-Download
 

202

Das Mittelalter.

Z. 285.

gen, wurde ein Ausschuß von zehn Männern mit diktatorischer Gewaltausgerüstet, denen eine Staatspolizei mit Spionen und Angebern undeine Staatsinquisition mit unterirdischen Kerkern, mit Foltern und Blei-kammern zur Seite standen. Alle Tritte und Schritte wurden überwacht, alleWorte erlauscht, jede Bewegung des Volkes beobachtet. Der Versuch des DogenMarino Falieri, mittels einer Verschwörung mit einigen verwegenen Leu-ten der untern Klassen die stolze Aristokratie zu stürzen, endigte mit seinemeigenen Fall und einem gewaltsamen Tod durch das Richtschwert. Die un-ersättliche Begierde nach Geld und Reichtum schuf eine unheilbare Herzcns-härtigkcit in den Venetianern, wodurch die Familienbande gelockert, Sittlich-keit und Religion untergraben wurden. Im 14. und 15. Jahrhundertsuchte Venedig sein Gebiet auf dem italienischen Festlande auszudehnen und er-langte mit Hilfe geschickter Söldnerführer die Herrschaft über Verona,Padua, Brescia und viele andere Städte und Landschaften des oberen Ita-liens. Dadurch kam es aber in feindliche Berührung mit den übrigen euro-päischen Staaten und wurde nicht selten mit dem Untergang bedroht; so be-i»»8. sonders im Anfang des 16. Jahrhunderts durch den Bund (Liga) von Cam-bray, in welchem sich Kaiser Maximilian, Ludwig XII. von Frankreich,Ferdinand der Katholische von Aragonien und Papst Julius II. zu einerTeilung des venetianischen Gebiets vereinigten. Schon bedrohten die Franzosendie reiche Stadt mit einer Eroberung, als es dem klugen Rat glückte, den Bundzu trennen und den Papst und Ferdinand für sich zu gewinnen. Auf dieseWeise gelang die Rettung der Republik und die Vertreibung der Franzosen ausItalien. Unheilbar aber waren die Schläge, welche Venedig durch die Grün-dung des osmanischen Reichs in seinen östlichen Besitzungen und durch die Ent-deckung des Seewegs nach Ostindien in seinem Handel erfuhr. Seitdem wardie sinnbildliche Vermählung des Dogen mit der Adria auf dem Staats-schiff Bucentöro eine bedeutungslose Feier. Durch die Freigebigkeit und denKunstsinn der reichen Venetianer gelangte die Malerei in der Lagunenstadt zuhoher Blüte, besonders durch Tizian (H. 370. 6).

ß. 285. Venedigs stolze Nebenbuhlerin war Genua. Die gegenseitigeEifersucht der beiden Republiken wegen des morgenländischen Handels führteviele Kriege und manche blutige Seetreffen herbei, aus denen jedoch Venediggewöhnlich als Sieger hervorging, wenn gleich im Chioggiakrieg die genue-,»8o. sische Flotte einmal siegreich die Lagunen hefuhr. Genuas glänzende Marmor-paläste, sein mit einem Wald von Masten bedeckter Seehafen, seine Bank vonS. Georg u. dergl. zeugten von dem Reichtum der Stadt; aber Hader zwischenDemokraten und Aristokraten, zwischen Guelfen (Fieschi und Grimaldi)und Ghibellinen (Spinöla und Doria) schwächten die innere Kraft undzerstörten die Tugenden und edleren Regungen. Habgier und Geldstolz warendie herrschenden Leidenschaften des Volkes. Unfähig sich selbst zu regieren,suchte es sich fremde Herren, bis es zuletzt bald unter mailändische, bald unter«, 28 . französische Gewalt kam. Die kunstreiche Verfassung die im 16. Jahrhun-dert der Seeheld Andreas Doria für seine Vaterstadt entwarf, nachdem erdie französische Herrschaft daselbst gestürzt und die republikanischen Formenhergestellt, verschaffte zwar dem Staate wieder die äußere Unabhängigkeit, aberkeineswegs den inneren Frieden. Zwei Jahrzehnte nachher versuchte der schöne,»»7. reiche und gebildete Fiesco, Graf von Lavagna, dem Hause Doria die Dogen-würde zu entreißen; allein das Unternehmen wurde vereitelt durch den un-erwarteten Tod des kühnen Verschwörers. Auch Genuas Macht und Handels-größe wurde durch die Gründung des osmanischen Reichs und durch den See-weg nach Ostindien tief erschüttert.