222
Die neue Zeit.
8- 314.
gen Ländern Europas. Besonders erhoben sich in Deutschland, das mit Italienvon jeher in lebhaftem Verkehr stand, viele Universitäten, Gymnasien undLehranstalten aller Art; und Gelehrte, wieIohann Reuchlin aus Pforzheim(s- 1522), Erasmus von Rotterdam 1536), Ulrich von Hütten<s- 1523), wetteiferten mit den großen Italienern in Kenntnis der griechischen undlateinischen Sprache und Wissenschaft. Die Freunde der neuen Bildung wurdenHumanisten genannt; ihre Gegner, die Anhänger der mittelalterlichen Schulweis-heit, vor allen die Dominikaner, erhielten den Beinamen Obskuranten. DieHumanisten aller Länder standen mit einander in Verbindung. Das Latein, dasdamals die allgemeine Sprache der Gelehrten und Gebildeten war, und ein lebhafterBriefwechsel, der die Stelle der Zeitungen vertrat, erleichterte den Verkehr. DerKamps der neuen Bildung gegen die Obskuranten mit ihrem barbarischen Latein er»reichte seinen Höhepunkt in dem Streit, den Reuchlin mit den Kölner Dominikanernführte. Diese wollten nämlich alle hebräischen Bücher der nachchristlichen Zeit, weilsie Lästerungen über Jesus enthalten sollten, verbrennen. Reuchlin, vom Reichs»erzkanzler Albrecht von Mainz, dem der Kaiser die Untersuchung übertragen, zumSchiedsrichter ernannt, erklärte in einer Schrift, „Ratschlag, ob man den Judenalle ihre Bücher nehmen, abthun und verbrennen solle", daß das Vorhaben unge-recht sei und der Wissenschaft schade. Darüber wurden die Kölner so ergrimmt, daß1514. sie ihn der Ketzerei anklagten, eine seiner Schriften öffentlich verbrannten und dasErlernen der griechischen und hebräischen Sprache verdammten. Dies hatte einenheftigen Federkrieg zur Folge, in welchem alle Freunde der Bildung auf ReuchlinsSeite traten und der Humanismus einen vollständigen Sieg erlangte. Der Papstuntersagte endlich den Streit; die Kölner wurden zu den Prozeßkosten verurteilt,und als sie mit der Entrichtung zögerten, von Franz von Sickingen, HuttensFreund und Beschützer, mit Gewalt dazu angehalten. Von dem Kreise, der sich umReuchlin scharte, gingen die Briese der Dunkelmänner auS, bei deren Ab-fassung, neben dem Haupturheber Crotus Rubianus, namentlich auch Ulrichvon Hütten thätig gewesen sein soll. In diesm war das Treiben und die ganzeDummdreistigkeit der Klosterleute in ihrem eigenen Mönchslatein getreu, aber sa-tirisch dargestellt. Hütten, einer der kühnsten und kräftigsten Kämpfer für Deutsch-lands Unabhängigkeit und Freiheit, starb flüchtig und verfolgt auf der Insel Ufnauim Zürichersee im 36. Jahr seines Lebens. Erasmus von Rotterdam, einfeiner Kenner der alten Litteratur, kämpfte mit allen Waffen des Witzes und Ver-standes gegen Scholastik und Mönchswesen. Unter seinen zahlreichen Werkensind das satirische Buch „Lob der Narrheit" und die Ausgabe des neuenTestamentes im griechischen Urtexte nebst lateinischer Übersetzung und Umschrei-bung am wichtigsten. Anfangs mit Luther und Hütten befreundet, wendete ersich später von ihnen ab und bekämpfte sie in heftigen Streitschriften.
II. Das Zeitalter der Reformation.
1. Die deutsche Reformation.
a) vr. Marti» Luther.
§. 314. Der Ruf nach Verbesserung der Kirche an Haupt undGliedern, der im 15. Jahrhundert durch Europa ging, war bei den Päpstenunerhört geblieben und die großen Kirchenversammlungen hatten keinen Erfolggehabt (88- 264, 266); die Kirche hatte die geforderte freiwillige Selbst-erneuerung versagt und der Stimme des Volkes keine Beachtung geschenkt.Seitdem waren die Übelstände nicht gemindert worden. Der römische Hos zoggroße Abgaben von den Kirchen anderer Länder ; dieniedereGeistlichkeitwar großenteils träge, sittenlos, unwissend und nahm an der neuen Bil-dung und dem dadurch erzeugten Aufschwung wenig oder keinen Anteil; derhöhereKlerus führte ein weltliches Leben, fand Gefallen an sinnlichen Ge-