8. 430. 431.
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Preußens Emporkommen.
Nr Vernunft und deutsche Sprache und Gesinnung, der fromme HermannFrancke, der Stifter des Waisenhauses, jenes „Siegesdenkmals des Gottver-trauens und der Menschenliebe", und der Philosoph ChristianWolf wirkten.
§. 430. Dieser Aufwand, verbunden mit der Unterhaltung einer beträcht-lichen Kriegsmacht in des Kaisers Diensten, drückte hart auf das arme Land;schwere Steuern lasteten auf dem Bürger- und Bauernstand; der neue Glanzdes Herrscherhauses schien dem Staate unheilvoll zu werden: da folgte zum ^ ^Glück dem verschwenderischen Friedrich I. der sparsame Friedrich Wilhelm I., IsmÄm allem das Gegenbild seines Vorgängers. Die Juwelen und kostbaren Ge- AA-Mschaften, die der Vater mühsam erworben, verkaufte der Sohn und bezahlteWit dem Erlös die Schulden. Alles, was an Luxus grenzte, wurde vom Hofderbannt, die Dienerschaft wurde aufs nothwendigste beschränkt, jeder über-flüssige Aufwand vermieden. Die Lebensweise des Königs und seines Hofeslvar bürgerlich; die Mahlzeiten bestanden aus Hausmannskost, die Königinund ihre Töchter mußten sich mit häuslicher Arbeit befassen, Kleidung undHausgeräte waren einfach. An die Stelle der geistreichen Zirkel, die Friedrich I.
Und seine Gemahlin um sich zu versammeln pflegten, trat dasTabakskol-legium, worin Friedrich Wilhelm und seine „guten Freunde" auf Kosteneiniger Einfältigen und Gutmütigen unfeine Scherze trieben und jeder eineTabakspfeife im Munde haben mußte; die Opernsänger und Schauspieler wur-den verabschiedet; französische Schöngeister, sowie Sprach- und Tanzmeisterentfernt; Dichter, Künstler und Gelehrte verloren ihre Gehalte ganz oder zumTeil; Christian Wolf, dessen Philosophie den Rechtgläubigen und Frommenanstößig war, erhielt den Befehl, „bei Strafe des Stranges" innerhalb vier-undzwanzig Stunden Halle zu verlassen. Aber so sehr man an dieser Härteund Derbheit des Königs, sowie an seiner Verachtung aller Bildung, Gelehr-samkeit und feiner Sitten Anstoß nehmen mag, dennoch muß man gestehen,daß seine kräftige Natur, seine gesunde Einsicht und sein sparsamer Haushaltdem jungen Staat Halt und Festigkeit verliehen. Er erleichterte den Bauern-stand, um den Ackerbau in die Höhe zu bringen; er beförderte innere Gewerb-thätigleit und verbot die Einfuhr fremder Fabrikerzeugnisse; er siedelte die vondem Erzbischof von Salzburg aus ihrer Heimat vertriebenen Protestantenin seinen Staaten an; und wie sehr seine Strenge auch manchmal die persön-liche Freiheit verletzte, sie bewirkte zugleich, daß Richter und Beamte ihrePflicht erfüllten. Des Königs eigenes Beispiel bewies, wie viel durch Spar-samkeit und guten Haushalt erreicht werden könne; denn obgleich er für seinePotsdamerGarde, zu der er aus allen Ländern Europas „langeKerle"werben und stehlen ließ, ungeheure Summen aufwendete, obgleich er viele nütz-liche Anstalten ins Leben rief, hinterließ er doch bei seinem Tode einen barenSchatz von mehr als acht Millionen Thaler, einen großen Reichtum an silber-nen Gerätschaften, eine geordnete Staatseinnahme und eine bedeutende, vondem Fürsten Leopold von Dessau (dem alten Dessauer) trefflich orga-nisierte und geübte Kriegsmacht.
tz. 431. Sein großer Sohn Friedrich II. schlug einen andern Weg ein.
Wenn der Vater seinen wilden Jagden nachging oder mit seiner Umgebung ^ Am.eine rohe Unterhaltung führte, beschäftigte sich der talentvolle, geistreiche Prinz *wit französischen Schriftstellern und mit dem Flötenspiel, das er leidenschaft-lich liebte. DreVerschiedenheit ihrer Natur entfremdete beide einander. Fried-rich nahm Anstoß an des Vaters Härte, und dieser ärgerte sich, daß der Sohnsitze andere Richtung einschlug, und wollte ihn durch Strenge davon abbringen.
Die Kälte und Abneigung nahm mit den Jahren zu, so daß Friedrich endlich,als der Vater aus Laune dessen beabsichtigte Vermählung mit einer englischen