§. 449.
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Das geistige Volksleben in Deutschland.
Pracht und Verschwendung, in Sitten und Moden, in Sprache, Litteraturund Kunst der Hof von Versailles als Vorbild diente.
4) Das geistige Volksleben in Deutschland.
Z. 449. So nachteilig die Zerstückelung Deutschlands für die äußere Machtund Große war, so Vorteilhast war sie für das Aufblühen der Künste und Wissen-schaften. Viele Fürsten waren Gönner und Förderer der Litteratur und Bildung;sie suchten bedeutende Männer in ihre Haupt- und Universitätsstädte zu ziehen, siemunterten Dichter und Gelehrte durch Belohnungen und Auszeichnung zu großenWerken auf. So kam es, daß in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, woDeutschlands Politische und kriegerische Bedeutung völlig dahin war, die Litteratur,die Dichtkunst, die Wissenschaft und das ganze geistige Leben einen mächtigen Auf-schwung nahm und einen Höhegrad der Bildung schuf, wie er in der neuern Ge-schichte kaum seinesgleichen hat. Besonders blühte die Dichtkunst. Nachdem derVerner Haller in dem Lehrgedicht die Alpen die Natur und das Volk seinesHeimatlandes in würdiger Weise beschrieben, Hagedorn in feinen poetischen Er- HagedornKühlungen die „Poesie der Grazie" ins Leben gerufen und nach dessen Vorgang ^Gellert in seinen Fabeln und Erzählungen die elegante Leichtigkeit der Fran- /AZfZofen nachgeahmt und das deutsche Kirch enlied erneuert; weckte Friedr. GottliebKlopstock durch sein großes Heldengedicht, die Messiade, sowie durch seine Oden KAst-aund Bardieten christliche Gesühlswärme und vaterländischen Freiheitssinn im isos.Volke; seine ernste, feierliche Tochtersprache und seine Versmaße ohne Reim bil-dete er den Alten nach. Wie Klopstock durch die Dichtkunst christliche Gemüts-erhebung zu erzeugen suchte, so seine großen Zeitgenossen Seb. Bach und Gg. Fr.Händel, beide aus Sachsen, durch edle Tonkunst. Händels Oratorium Messias Händ-ikann als „christliche Epopoe in Tönen" bezeichnet werden. Gotthold Ephraim Les-sing, der große Denker und Kritiker, enthüllte zuerst in seiner Hamburger Dra- W-maturgie die Schwächen der französischen Theaterlitteratur und zeigte durch seineeigenen Bühnenstücke (Minna von Barnhelm, Emilie Galotti, Nathan derWeise) den Weg, auf dem man zu einer echten dramatischen Poesie gelangen könne;zugleich eröffnete er in seinem Laokoon den Denkenden die Augen über das Wesender Dichtkunst und der bildenden Kunst, deren Verständnis gleichzeitig durch Jo-hann Winckelmann aus einem andern Wege erschlossen ward; und in seinen merk- Wmck-r.würdigen Streitschriften gegen den Pastor Melch. Göze von Hamburg über dieWolfenbütteler Fragmente beurkundete er eine Kraft der Sprache und eineKlarheit der Beweisführung, die Bewunderung erregt. — Aus seinen Schulternsteht der dichterische, geistreiche Joh. Gottfried Herder, der aus den Ursprung der W-Sprache und Poesie zurückging, mit feinem Sinn die Schönheiten der morgen- ir-ländischen Naturdichtung („Vom Geiste der hebräischen Poesie"; „Palm-blätter" u. a. W.) und den tiefen Gehalt des kunstlosen Volksgesangs bei den Ver-schiedenen Völkern enthüllte (im „Eid", „Stimmen der Völker in Liedern")und durch seine Jd e e en zur Philosophie der Geschichte der Menschheit eine mächtigeAnregung zu weiteren Forschungen gab. — Christoph Martin Wieland, der hei-lere Lebensphilosoph, redete in seinen Romanen (Agäthon, Abderiten, Ari- E».stipp u. a.), die größtenteils das altgriechische Leben mit moderner Färbung zurGrundlage haben, der Gesinnung und Denkweise der höhern französisch - gebildetenStände das Wort und lehrte in leichter lüsterner Sprache weisen Genuß des Le-bens, eine Lehre, die den höhern Klaffen der Gesellschaft zusagte und der deutschenLitteratur jene Kreise öffnete, die bisher nur französische Werke gelesen. Zugleicherneuerte er in seinem Oberon die romantische Heldendichtung des Mittel-alters. Durch diese drei Männer erfuhr die deutsche Prosa eine gänzliche Umgestal-lung; Lessing verlieh ihr Kraft, Schärfe und Klarheit, Herder Schwung und Reich-