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Die neue Zeit.
Z. 450.
tum an Bildern, Wieland Leichtigkeit und Anmut. Auf dem von ihnen bestelltenNs- Boden führte der größte Genius des Jahrhunderts, Wolfgang Goethe, seinelose. Schöpfungen auf, in denen sich das Geistesleben der Nation und fein eigener Bil-dungsgang abspiegelt. In der kraftgenialen Zeit der siebenziger Jahre, als diemit Ungestüm vorwärts strebende Jugend alle Regeln der Kunst und der herkömm-lichen Sitte verschmähte, nur den (wenn auch formlosen) Erzeugnissen des GeniusWert beilegte, die Tiefe der Urpoesie und Naturdichtung pries, sich am Volksliedergötzte und mit staunender Bewunderung auf Ossian und Shakespeare blickte, daerregten die Leiden des jungen Werther, ein Roman in Briefen, und das dra-matische Gemälde Götz von Berlichingen, wobei jene Dichter als Vorbilder dien-ten, einen Sturm von Begeisterung; als Lefsing und Winckelmann das Interessefür antike Kunst in Deutschland geweckt, erschienen zur geeigneten Stunde die klas-sischen Dramen Torquato Tasso und Jphigenia im Geiste und in der klarenharmonischen Form des Altertums, belebt durch die eigenen Eindrücke und Em°»W- pfindungen, die Goethe auf seiner Reise nach Italien in sich aufgenommen, unddie sich auch in den unübertrefflichen Volksscenen des Trauerspiels Egmont ab-spiegeln. Das idyllische Epos Hermann und Dorothea berührte die gewaltigeZeit der französischen Revolution und die Leiden der Ausgewanderten; der RomanWilhelm Meister, worin das Schaufpielerleben gezeichnet ist, und die Novelle:die Wahlverwandtschaften gehören schon der neuromantischen Zeit an, die amWunderbaren, Geheimnisvollen und Märchenhaften Gefallen fand; in Dichtungund Wahrheit schilderte Goethe seinen eigenen Lebens- und Bildungsgang, undin dem großartigen dramatischen Gedicht Faust, mit dem wir ihn fein ganzes Le-ben hindurch beschäftigt finden, hinterließ er der Nachwelt ein Abbild seiner innerstenSeelenzustände. — Mittlerweile hatte die politische Welt mächtige Erschütterungenerfahren und die Blicke der Völker auf Geschichte und Staatswesen gerichtet; daEchter traf Friedrich Schiller mit seinen historischen Dramen, die der Nation ähnlicheisos. Sturmperioden aus der einheimischen und fremden Geschichte vor die Seele führten,und mit seiner Begeisterung für Freiheit, Vaterland und Menschenbeglückung dieSaite, die beim Volke den stärksten Nachhall fand. Die drei ersten Tragödien: dieRäuber, Kabale und Liebe, und Fiesko, gehören der stürmischen Jugendzeitan; mit dem Drama Don Carlos beginnt eine neue, geläuterte Periode; währendfeines Aufenthaltes in Jena als Professor der Geschichte befaßte er sich mit demdreißigjährigen Krieg, mit dem Abfall der Niederlande und mit dem drei-teiligen Drama Wallenstein und schuf in der lyrischen Dichtung: die Glocke einreizendes Gemälde des menschlichen Lebens in seinen glücklichen und traurigenFällen; in seinen letzten, durch Krankheit viel getrübten Lebensjahren inWeimar verfaßte er Maria Stuart, die Jungfrau von Orleans,die Braut von Messina und das herrliche Drama Wilhelm Tell.Durch die Lauterkeit seiner Gefühle und die Wahrheit seines Strebens erwarb Schil-ler die Freundschaft Goethes, so verschieden auch ihre Naturen waren, und ihre ver-einte Thätigkeit bezeichnet den Höhepunkt der deutschen Poesie.
8. 450. Aber nicht bloß die Dichtkunst, auch die Religionswissenschaft,die Philosophie, die Geschichtschreibung, das Schul- und Erziehungs-Wesen, kurz das ganze geistige Leben erfuhr einen mächtigen Umschwung. Pro-testantische Kirchenlehrer (Theologen) durchforschten die Bibel und stellten die christ-liche Lehre nach der eigentümlichen Richtung ihres Geistes dar. Die einen, wie derZüricher Prediger Laväter, suchten durch Erbauungsschriften die Welt in der stremisoi. gen Gläubigkeit zu erhalten und die Überzeugung festzustellen, daß der Mensch durchdas Gebet mit der Gottheit in unmittelbarer Verbindung stehe; die andern, wieKA°>i dn Berliner Buchhändler und Schriftsteller Nicolai, wollten nur die menschlicheisu. Vernunft und daS Denkvermögen als Richter in göttlichen Dingen gelten lasten und