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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
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Die Vorboten der Revolution.

1. Die Litteratur der Aufklärung.

§. 451. Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts wurdm von Frankreichaus alle bestehenden Verhältnisse durch die Litteratur erschüttert. Geistreicheund hochbegabte, aber zum Teil von Vorurteilen beherrschte Männer be-kämpften tue religiösen Glaubenslehren und kirchlichen Einrichtungen miticharfer Kritik und Skepsis, griffen die aus dem Mittelalter stammendenStaatsverfassungen an und stellten die bestehenden Zustände und Formender Gesellschaft als verjährte Mißbräuche dar. Zudem sie zunächst die wirk-«chen Schäden und Gebrechen in Religion und Kirche, im Staätsleben undGerichtswesen, in den bürgerlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Ver-hältnissen als Angriffspunkte benutzten, untergruben sie allmählich alle Grund-festen der menschlichen Gesellschaft und brachten alle Gesetze und herkömmlichenOrdnungen zum Wanken; indem sie Vorrechte, Privilegien und Standes-dorzüge zu vernichten, der Freiheit und dem persönlichen Verdienst seine Gel-tung zu verschaffen suchten, schwächten sie auch das Ansehen alter Satzungenapd Rechte und die Kraft der Obrigkeit; indem sie Aberglauben, Vorm-aste und überlieferte Ansichten bekämpften, verwirrten sie zugleich Glaubenund Gewissen, zerstörten die Ehrfurcht und Achtung vor dem Heiligen undHerkömmlichen m den Herzen der Menschen und verbreiteten die Ansicht, daß°as Glück der Welt nur auf den Trümmern des Bestehenden erblühen könne.Besonders geschah dies durch Voltaire, Montesquieu und Rousseau, derenMtreiche, durch den Zauber schöner Sprache und Darstellung gehobeneSchriften von dem ganzen gebildeten Europa gelesen wurden. Ihre WegeKaren verschieden, aber die Ergebnisse ähnlich.

Z.4S2. Voltaire, ein Vielseitiger und geistreicher Schriftsteller, der sich inallen Gattungen der Litteratur ausgezeichnet hat, bekämpfte mit den Waffen desSitzes und scharfen Verstandes alles Herkömmliche und Verjährte, alle herrschendenMeinungen und bestehenden Einrichtungen, ohne sich darum zu kümmern, was andessen Stelle treten sollte. In dramatischen und epischen Gedichten (Mahomet,Henriade, Jungfrau von Orleans), in Satiren und Romanen, geschicht-^chen und philosophischen Arbeiten (Versuche über die Sitten und den^eist der Nationen",Zeitalter Ludwigs XIV.",Geschichte Karls XII.dvn Schweden" u. a. W.) legte er seine Ansichten und Zweifel, seine GedankenAid Kritiken, seine Forschungen und Erfahrungen nieder. Religion und Kirche,Priestertum und Volksglaube erfuhren die heftigsten Angriffe; und wenn es nicht zukugnen ist , daß Voltaires Spott und Witz manches Vorurteil zerstört, manchenAberglauben entfernt und die kirchliche Engherzigkeit in ihrer ganzen Blöße gezeigt

so ist dagegen auch zu beklagen, daß er viele um das religiöse Gefühl gebracht,w manches Gemüt Zweifel und Unglauben gepflanzt, kalte Weltklugheit undAU ihr Selbstsucht, Eigenliebe und Eigennutz als höchste Leiter der menschlichenHandlungen hingestellt hat. Montesquieu, ein ernsterer Schriftsteller, wies?as Fehlerhafte und Abgeschmackte des Bestehenden nach, in der Absicht es zu ver-und zeitgemäß umzugestalten. In den persischen Briesen bekämpfte er

Montes-

quieu

1689 -

1785 .