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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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318
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318 Zeitalter der Revolutionm und Restaurationen. 8- 453.

mit demselben leichtfertigen Spott wie Voltaire den Kirchenglauben und das ganzeLehr- und Regierungswesen Frankreichs, machte auf ähnliche Weise die Sitten,Lebensformen und gesellschaftlichen Zustände seiner Zeitgenossen durch Witz undIronie lächerlich. In den geistreichen Betrachtungen über die Ursachen derGröße und des Verfalls der Römer und ihres Staats suchte er darzuthun,daß Vaterlandsliebe und Selbstvertrauen einen Staat groß mache, Despotismusaber denselben seinem Untergang zuführe. Das dritte Werk: Dom Geist der Ge-setze stellt die konstitutionelle Verfassung Englands als die für die heutigeor?uff?äu Menschheit passendste Staatsform dar. Jean Jacques Rousseau, Sohn einesGenfer Uhrmachers, bekämpfte die bestehenden Zustände durch die reizende Schilde-' rung der Gegensätze. Nach einer wechselvollen Jugend voll Armut und Verirrung,die er in seinenBekenntnissen" mit seltener Offenheit der Welt dargelegt, kamer durch die Lösung einer Preisfrage über den Einfluß der Künste und Wissen-schaften auf die Sitten zu der Grundansicht seines ganzen Lebens und Wirkens,nämlich zu dem Satze, daß der hohe Bildungsgrad die Ursache alles Elends undaller Laster sei, daß aus den Händen der Natur nur Gutes hervorgehe, unter denHänden der Menschen aber alles entarte, daß folglich nur in der Rückkehr zu einemNaturzustand voll Unschuld und Freiheit und in der Abschüttelung aller Fesseln,welche Bildung, Erziehung und Gewohnheit geschlagen, die Welt zu Glück und Heukommen könne. Diese Grundansicht bildete den Mittelpunkt aller seiner mehr durchGefühl und reizende Darstellung als durch Tiefe und Wahrheit ausgezeichnetenSchriften. In derneuen Heloise", einem in dichterischer Sprache und Brief-form verfaßten Roman, stellte er die Reize eines sentimentalen Naturlebens den ver-schrobenen Verhältnissen der Wirklichkeit und dem Zwang der Gesellschaft entgegen;imEmil" suchte er eine auf Natur und Elternliebe beruhende vernünftige Er-ziehung zu begründen und sühnte dadurch die Sünde, die er begangen, als er seineeigenen Kinder dem Findelhaus übergab. Das in diesem Buche enthalteneGlaubensbekenntnis eines savoyischen Vikars", worin er im Gegensatzzu dem herrschenden Kirchenwesen eine Religion des Gefühls und Herzens lehrteund empfahl, zog ihm Verbannung und Verfolgung zu. IndemGesellfchafts-vertrag" stellte er die Gleichheit aller Menschen als Bedingung jedes guteingerichteten Staats dar und fand in der völligen Demokratie mit gesetzgeben-den Volksversammlungen die würdigste Verfassung. In allen diesen Schriftensind neben vielen Grundirrtümern und verführerischen Irrlehren goldene Wahrheitenenthalten. Seine Worte find der Ausdruck eines tiefen innern Gefühls und gehenzu Herzen, weil sie von Herzen kommen. Die Wirksamkeit seiner Schriften war un-ermeßlich, und alle Orte, die sein Fuß betreten, oder wo er als verfolgter Flücht-ling sich aufgehalten, wurden von dem kommenden Geschlechte mit Verehrung be-trachtet. Sinn für Natur, Einfachheit und Häuslichkeit wurde durch Rousseau inFrankreich geweckt, aber auch eine heftige Sehnsucht nach dem gepriesenen Urzustandder Freiheit und Gleichheit erregt, die nur durch Zerstörung der bestehenden Ein-richtungen und Verhältnisse gestillt werden konnte.

§. 453. Der Einfluß dieser Männer auf die Denkunasart von ganzEuropa war um so größer, als damals Paris in allen Dingm oen Ton angab,als die französische Sprache und Litteratur in den höhern Kreisen allein g^sprachen und gelesen ward, als diese Schriften durch ihre gefällige Form Mwgeistreiche Darstellung allgemeines Interesse erregten. Fürsten, wie Friedrich ü-,Gustav III. von Schweden, Karl III. von Spanien, Katharina II. von Ruß-land, die größten Staatsmänner aller Länder und viele einflußreiche Personend'M-m- standen mit Voltaire und seinen gleichgesinnten Zeitgenossen in persönlichem1717 - oder brieflichem Verkehr. Unter diesen Zeitgenossen sind besonders d'AleM-»78». L ert, Mathematiker und Philosoph, und der als dramatischer Dichter und