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Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen.
Umfang, Bevölkerung und Wohlstand sehr zugenommen. Dieser Aufschwungwar nicht ohne große Opfer und Anstrengungen von Seiten Englands erzieltworden, und die englische Regierung hielt es daher für gerecht und billig, dieKolonieen zur Besteuerung beizuziehen. Zu dem Zweck wurden auf gewisse,7«s. WarenZölle gelegtund eine Stempeltaxe eingeführt. Aber die Amerikaner,die durch den innern Aufschwung auch an Kraft und Selbstvertrauen gewonnenhatten, widersetzten sich der Besteuerung. Sie machten geltend, daß ein Par-lament, in dem sie nicht vertreten seien, kein Recht habe, sie mit willkürlichenSteuern zu belasten; die Abgaben für ihre eigenen Bedürfnisse seien schon großgenug. Ihre Sache, die sie mit Geschick verfochten, fand bald in ganz EuropaAnklang, und in England selbst trat eine mächtige Partei auf ihre Seite undbekämpfte die Maßregeln der Regierung in Rede und Schrift. An der Spitzeder Opposition stand der große Staatsmann und Redner William Pitt derältere (Lord Chatham) und die talentvollsten Mitglieder des Unterhauses,wie Fox, Burke u. a. Die berühmten „Juniusbriefe", eine durch Kraftder Sprache und Darstellung ausgezeichnete Flugschrift, unterstützten die Oppo-sitionspartei in ihrem Kampfe. Dieser heftige Widerstand sowohl von Seiten»78«. Amerikaner als im eigenen Parlament führte einen Wechsel im Ministeriumund die Zurücknahme der Stempeltaxe herbei. Da aber die Regierung»7«7. das Besteuerungsrecht nicht aufgab und im nächsten Jahr auf Thee, Glas,Papier u. dgl. m. eine geringe Abgabe legte, so dauerte der Widerstand fort.Boston, die Hauptstadt von Massachusets, und die umliegenden Staaten,die man zusammen Neu- En gland nennt, bildeten den Schauplatz des Kampfes.Die Bewohner dieser Gegend, größtenteils Nachkommen englischer Puritaner(§. 389 f.), hatten den Trotz und hartnäckigen Sinn der Vorfahren treu be-wahrt. Die Kaufleute von Boston beschlossen, keine der zollbaren Warenzuzulassen, und als England unerschütterlich bei seinem BesteuerungsrechtA D-c. tzeharrte, wurden von einigen jungen Leuten, die sich als Wilde verkleidet hatten,drei Schiffsladungen Thee ins Meer geworfen. Da verstärkten die Engländerihre Truppen in Boston, sperrten den Hafen und erließen mehrere die Freiheitbeschränkende Verordnungen.
§.455. Die „Bostoner Hafenbill" war der Anfang des Kriegs.Ein Kongreß von Abgeordneten sämtlicher Kolonieen trat in Phila-delphia zusammen und beschloß, im Widerstand zu beharren und die Streit-kräfte des Landes zu mehren. Zugleich erließ der Kongreß einige mit großerKunst undGeschicklrchkeit abgefaßte Sendschreiben an den König, an dasenglische Volk, an die Bewohner von Canada u. a., worin auf dasÜberzeugendste nachgewiesen war, daß die Amerikaner nur ihre angeborenenund erworbenen Rechte gegen die Willkür und die Machtgebote der englischenRegierung und des Parlaments zu verteidigen suchten. Diese Adressen machtenden tiefsten Eindruck und lenkten die Aufmerksamkeit von ganz Europa nachjenem Lande, wo einfache, ruhige Männer mit der größten Besonnenheit undEntschlossenheit Freiheit und Menschenrechte gegen Gewalt und Übermachtschützten. Die Engländer erklärten Massachusets in Aufruhrstand; aber»77». schon in den beiden ersten Treffen bei Lexington und Bunkershill erlittensie solche Verluste, daß sie, obwohl Sieger, für geraten hielten, Boston zu ver-lassen. Diesen Ausgang verdankten die Amerikaner ihrem hochherzigen Mit-bürger Georg Washington, der dem hohen Ziel, Befreiung des Vaterlandesseine Thatkraft und sein Vermögen widmete. Wie er im Felde mit demSchwerte Wirkte, so der frühere Buchdrucker Benjamin Franklin, bekannt alsErfinder des Blitzableiters und als Verfasser und Verbreiter nützlicher Volks-schriften, durch Rede und Schrift als kluger Geschäftsführer seines Vaterlandes-