§. 483.
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Die französische Revolution.
Vor keinem Frevel zurückschaudernden Mitgliedern verstärkt hatte, besaßen nun-mehr alle Macht. Der Munizipalrat ließ durch Pikenmänner die Polizeider Hauptstadt verwalten und bald waren alle Kerker mit „Verdächtigen"und „Aristokraten" gefüllt. Als die Nachrichten von dem Heranrücken derVerbündeten die Bevölkerung in eine fieberhafte Aufregung sehten, reifte derblutige Entschluß, sich der Gegner der neuen Ordnung durch ein allgemeinesMordgericht zu entledigen, um durch Schrecken allen Widerstand niederzuschla-gen. Nachdem zuerst die eidweigernoen Priester zu Hunderten in den Klösternund Gefängnissen niedergemacht worden, schritt man zu den grauenvollenSrptcmbcrtagen. Vom 2.-7. September zogen Banden gedungener Mörderund Böiewichter in die Gefängnisse. Zwölf von ihnen handelten als Geschwo-rene und Richter, die andern als Henker. Von diesen entmenschten ScharenWurden dann unter der Form eines Gerichtsverfahrens die Verhafteten ermor-det, mit Ausnahme einiger wenigen, deren Namen auf den Listen bezeichnetMaren. Gegen 3000 Menschen wurden von diesen Frevlern, die für ihre „Ar-beiten" von dem Gemeinderat Taggebühren erhielten, entweder einzeln hin-geschlachtet oder in Masse getötet. Unter ihnen befand sich auch die Prinzessinvon Lamballe, die Freundin der Königin; ihren Kopf trug ein SchwärmPikenmänner auf einer Stange an den Tempel und hielt ihn vor Marie An-toinettens Fenster. Das Beispiel der Hauptstadt wurde in vielen Departementennachgeahmt. Die wilde Zerstörung aller Statuen, Wappen, Inschriften undanderer Zeichen der alten Zeit bildete den Schluß der August- und Septem-bertage, die den Übergang aus dem monarchischen Frankreich in das republi-kanische machten. Die Herbst-Tag- und Nachtgleiche wurde als der Anfangder Herrschaft der Freiheit und Gleichheit unter dem republikanischen Na-tionalkonvcnt bezeichnet, und damit aller Unterschied aus dem täglichen Ver-kehre schwinde, ward festgesetzt, daß alle Franzosen als „Bürger" angeredetWerden sollten. — Lafayette, der bei der Nordarmee diente und sich nach denJunitagen eigenmächtig nach Paris begeben hatte, um wo möglich den KönigZu retten, wurde jetzt von der Nationalversammlung zur Verantwortung vor-geladen. überzeugt, daß die Jakobiner nach feinem Tode strebten, floh er miteinigen gleichgesinnten Freunden nach Holland, um sich nach Amerika zu retten;aber er fiel in die Hände der Feinde, die ihn als Kriegsgefangenen festhieltenund fünf Jahre lang in den Kerkern von Magdeburg und Olmütz schmachtenkeßen. Talleyrand begab sich nach England und von da nach Amerika, woer ruhigere Zeiten abwartete.
4. Das republikanische Frankreich unter -er Herrschaft -es Üational-konornts (September 1793 bis Oktober 1795).
ß. 483. Hinrichtung des Königs. Die neue Versammlung, die unterdem Einflüsse der Jakobiner nach allgemeinem Wahlrecht gewählt wurde,bestand fast ausschließlich aus Republikanern, aber von verschiedener Naturund Gesinnung. Die Gemäßigten, deren Benennung „Girondisten" mehrMd mehr zum gehässigen und verächtlichen Parteinamen wurde, die nach einerAPublikamschen Staatsform im Sinne des Altertums oder der VereinsstaatenNordamerikas strebten und die blutigen Mittel verabscheuten, erlagen allmäh-ftch der Partei der Radikalen und Demokraten, die zuvor alle bestehendenOrdnungen mit Gewalt umstürzen und dann auf dem geebneten Boden einenAuen Zustand der „Freiheit und Gleichheit" begründen wollten. Siesandelten nach dem Grundsatz: „wer nicht für uns ist, ist Wider uns", undwchten durch Schrecken und Blutvergießen allen Widerstand niederzuschlagen,^kark durch die Jakobinerklubs und durch die als „Sansculotten" bezeich-neten wilden Banden der zahlreichen Revolutionsstreiter, die durch Gesänge