Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
418
JPEG-Download
 

418

Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen. Z. 565.

die Kantonalregierungen ändern und die Kriegskosten tragen. Zu spät botendie drei Großmächte Österreich, Frankreich, Preußen eine gemeinsame Ver-mittelung an. Der französische Kourier fand den Sonderbund bereits ge-sprengt, und die Wahrnehmung, daß der Minister Guizot Partei für duJesuiten nahm, mehrte in Frankreich die Mißstimmung gegen die Jutiregie-rung. Die Schweizer benutzten die Umstände, um ihre Verfassung umzugestal-ten und eine stärkere Bundesregierung mit einer doppelten Landesvertretungzu schaffen. Dem Bundesrat, der in Bern seinen ständigen Sitz hat, stehtein Ständerat, als Vertreter der einzelnen Kantonalregierungen, und ernfreigewählter Nationalrat zur Seite.

1>) Die Pariser Februar-Revolution und ihre Folgen.

tz. 565. Um dieselbe Zeit, als die Vorgänge in Italien und der Schweizeine heftige Aufregung in Frankreich erzeugten und die Politik Guizots denLiberalen großes Ärgernis gab, brachte ein Bestechungsprozeß gegen denGeneral Cübiöres und den Minister Teste und die graüsenhafte Ermordungder Herzogin von Praslin durch ihren eigenen Gatten im Schlafgemach duganze Sittenlosigkeit der um den Julithron'gescharten höheren Stände zutage.Das Gefühl, daß ein von so verfaulten Stützen getragenes Regierungssystemunhaltbar sei, durchdrang mehr und mehr die Nation, und der Ruf nachWahlresorm, wodurch man frische Kräfte in das Ständehaus und in duRegierung zu bringen hoffte, wurde die Losung des Tages. In allen Gegendendes Landes wurden Resormbankette angeordnet, wobei kühne Reden undTrinksprüche die Gebrechen des herrschenden Regierungssystems schonungslosaufdeckten. Nach Eröffnung der Kammern sollte auch in Paris ein solchesBankett angeordnet und demselben als Ausdruck der Volksgesinnung eine be-sondere Bedeutung gegeben werden. Aber die Regierung untersagte nicht nurdieses Reformfest, sondern die Thronrede sprach sich auch tadelnd über eineBewegung aus, die durch feindliche oder blinde Leidenschaften an-gefaßt werde. Ungeachtet des Verbots trafen die Häupter der Kammer-opposition und einige Führer der Liberalen und gemäßigten Republikaner Vor-bereitungen zu dem Reformbankett und erließen ein Programm über den Zugund die Festordnung; als jedoch die Regierung militärische Maßregeln traf,um ihrem Verbote Achtung zu verschaffen, standen die Festordner größtenterlsvon ihrem Vorhaben ab und die Mitglieder der Linken (Opposition) beschlossen,in der nächsten Kammersitznng einen Antrag zu stellen, daß das Ministeriumwegen Verletzung der Verfassung in Anklagestand versetzt werde. Allein dasVolk war bereits zu aufgeregt, als daß es sich damit beruhigt hätte. Scharenvon Arbeitern, Blousenmännern, Studenten und Straßenjungen durchzogenunter dem Rufe:Reform! Nieder mit Guizot!" die Straßen und Plätze derHauptstadt. Ihre Zahl mehrte sich von Stunde zu Stunde; das Linienmilrtarwar schonend, die Polizeimannschaft der Menge nicht gewachsen; Barrikaden^sbruar wurden in einigen Straßen errichtet und behauptet. Zwei Tage hatte der^i8>8. Kampf mit wachsender Erbitterung gedauert, da entließ der König das Mini-sterium Guizot und versprach die Reform. Diese Nachricht erzeugte unter demaufgeregten Volke einen unermeßlichen Jubel. Unter Gesängen und FreudeU-rufen wogte die Menge durch die Straßen; die Barrikaden verschwanden Mden westlichen Stadtteilen; die Häuser wurden beleuchtet. Aber die MännMder geheimen Gesellschaften und die von ihnen geleiteten Arbeiter waren vndiesem Ausgang nicht zufrieden; ihre Wünsche gingen weit über einen Kabinetts-wechsel hinaus; noch standen viele Bewaffnete in den nordöstlichen Teilen deHauptstadt, den Wohnorten der Arbeiterbevölkerung, bei den Barrikaden. D