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Die Pariser Februar-Revolution und ihre Folgen.
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geschah es. daß gegen zehn Uhr ein Volkshaufen mit Fahnen und FackelnNirgend und lärmend über die Boulevards zog. Vor dem Ministerium desAuswärtigen hielt er still und forderte die Beleuchtung des Hauses. Die Trup-pen suchten das weitere Vordringen zu hemmen, der befehligende Oberst wurdeinsultiert. In dem Augenblick fiel ein Schuß, so wurde damals allgemein er-Wlt, und verbreitete unter dem in dem Gebäude aufgestellten Militär dieMeinung, es würde angegriffen. Es erfolgte plötzlich eine Salve auf die Mengeund zweiundfünfzig stürzten tot oder verwundet zusammen. Eine unaussprech-liche Wut ergriff das Volk. Man belud eine Bahre mit Leichnamen und durch-zog mit Fackelschein unter dem Ruf: „Zu den Waffen! Man tötet uns!" dieStraßen der Stadt. Um Mitternacht wurde die Sturmglocke geläutet und amMorgen des 24. Februar war ganz Paris durch Barrikaden abgesperrt. NachAnem heftigen Kampfe neigte sich der Sieg auf die Seite des Volkes. LudwigPhilipp dankte zu Gunsten seines Enkels, des Grafen von Paris, ab unduuchtete sich mit seiner Gemahlin nach England, wohin auch die übrigen Glie-vfst der Familie auf verschiedenen Wegen und nach vielen Gefahren gelangten.Hierauf wurde in Paris eine republikanische Regierung unter dem Vor-sitze des alten Dupont de l'Eure errichtet, woran der Dichter Lamartine,
"ie Führer der Linken Ledru-Rollin, Arago, Garnier-Pagäs und derSozialist Louis Blaue teilnahmen. — Aber die neue Staatsform brachtesticht das erwartete Glück. Der Rausch der republikanischen Jubeltage mitchren Freudenfesten und ihrer Fahnenweihe, und die Begeisterung für denWahlspruch: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" gingen vorüber und dasnüchterne, praktische Lehen schuf mancherlei Schwierigkeiten. Da die Revolu-tlon das Werk der arbeitenden Klasse war, so mußte man auf deren Hebungund Besserstellung bedacht sein. Man schuf Nationalwerkstätten, wo dieArbeitlosen auf Kosten des Staats Beschäftigung und Unterhalt finden sollten.
4)a zeigte sich der Sozialismus bald in seiner ganzen Haltlosigkeit. Die Staats-stnsgaben steigerten sich ins Unendliche und die Zahl der Proletarier nahm mitledern Tage zu. Daß eine solche Einrichtung in kurzem den Ruin des Staates,nie Verarmung der besitzenden Klassen und den Untergang der Civilisation her-beiführen müßte, leuchtete jedermann ein. Als daher im Mai die aus allge-meiner Volkswahl hervorgegangene konstituierende Nationalversamm-lung zusammentrat, war es eine ihrer ersten Maßregeln, diese Werkstätten zuMießen und den Arbeitern die Staatsunterstützung wieder zu entziehen. Daversuchten diese eine neue Umwälzung, um dem vierten Stand die HerrschaftZu verschaffen. Dies führte die Greüelscenen vom Juni herbei, wo die An-^«^'Hanger der „roten Republik" sich durch Thaten tierischer Roheit schändeten.
Sre mordeten den General Brsa und den Erzbischof Affre von Paris undMten die Barrikaden mit Leichnamen ihrer Gegner aus. Entsetzt über solcheUstmenschlichkeit, bekleidete die Nationalversammlung den General CavaignacM diktatorischer Gewalt. Dieser besiegte die Empörer, ließ Scharen der-Wen verhaften und deportieren und stellte Paris unter das Kriegsrecht. Ge-schützt durch diese Maßregel vollendete dann die Versammlung die republi-kanrsche Verfassung mit einer einzigen Kammer und einem alle vier JahreUeu zu wählenden Präsidenten. Gern hätte sie auch bei der Präsidenten-wahl dem General Cavaignac die Stimmenmehrheit verschafft, aber dieAation, geblendet von dem Glänze des kaiserlichen Namens, wählte Ludwig i».Napoleon Bonaparte, denselben Neffen Napoleons, der früher zweimal Lud-?ug Philipps Herrschaft durch Aufstände zu stürzen gesucht und für sein unbe-wnnenes Unternehmen durch lange Hast gebüßt hatte.
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