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Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen. Z. 571-
haben, und weder bei dem Militärwesen, noch bei der Staatsschuld und derFinanz-, Steuer- und Handelsgesetzgebung des übrigen Kaiserstaats beteiligtsein. Diese Bestrebungen der Magyaren, wodurch das,Königreich Ungarn nurnoch durch die „Personal-Union" mit dem Kaisertum Österreich verbunden ge-blieben wäre, traten jetzt in größerer Stärke hervor, sanden aber nicht bloß rnWien, sondern auch bei den mit den Magyaren zu dem Königreich Ungarn ver-bundenen slavischen Volksstämmen, den Kroaten, Slavoniern, Serbenu. a. m., heftigen Widerstand. Jellachich, Ban von Kroatien, zog gegen duMagyaren ins Feld; sein Unternehmen fand insgeheim Unterstützung bei Hosund Ministerium. Die dadurch geweckte Wut der Magyaren erreichte einesolche Höhe, daß der rasende Pöbel den kaiserlichen Kommissar Lambcrg ausder Brücke von Buda-Pesth auf entsetzliche Weise ermordete. Diese That riefein kaiserliches Kriegsmanisest hervor, infolge dessen ein Teil der österreichischenTruppen Befehl zum Abzug nach Ungarn erhielt. Aber die Wiener Demokra-ten, die in Ungarns Erhebung ihre eigene Sache erkannten, verhinderten denAbmarsch und erregten in der Hauptstadt einen Aufstand, der alle vorhergehen-den an Heftigkeit übertraf. Wütend über den Kriegsminister Latour, der nnte. vkt. Jellachich in Verbindung gestanden, drang ein Volkshaufen in das Kriegsge-bäude und ermordete den Unglücklichen mit Hammerschlägen und Pikenstößen-Dies war der Anfang der Wiener Oktobertage, der gewaltigsten Katastrophein dieser tiefbewegten Zeit. Entsetzt über das rasende Gebaren der aufgewie-gelten Masse, verließ der Kaiser abermals die Hauptstadt und begab sich nachOlmütz in Mähren. Von hier aus erteilte er dem Fürsten Windischgrätz,
Zu«, eimge Monate früher durch die energische Unterdrückung eines Slaven-aufstandes in Prag seine Kraft und Entschlossenheit beurkundet hatte, denBefehl, die empörte Hauptstadt zur Ordnung zurückzuführen. So begann dstdenkwürdige Belagerung und Erstürmung Wiens. Drei Wochen lang vertei-digten sich die durch eine zügellose Presse, durch Vereine und Volksredcn inAthem gehaltenen Demokraten gegen die belagernden Truppen. Freischarcnund Demokratenführer, von allen Seiten in der Hauptstadt vereinigt, erhieltendie Kampflust wach. Endlich trug die militärische Überlegenheit des Heeres denSieg davon. Die erstürmte Stadt wurde unter Kriegsrecht gestellt und an denLeitern und Förderern der revolutionären Erhebung schwere Strafe genommen-Viele fanden ihren Tod nach kriegsrechtlichem Spruch durch „Pulver und Blei'-^ 848 ^ llntcr ihnen befand sich Robert Blum, Mitglied der Frankfurter National-versammlung und Hauptredner der „Linken". Er hatte an dem Kampfe teilge-nommen; sein Charakter als Volksvertreter vermochte ihn nicht zu retten vorder eisernen Strenge des Feldherrn; die deutschen Demokraten betrachteten ihnals Märtyrer der Freiheit und begingen allenthalben eine „Totenfeier". DMösterreichische verfassunggebende Nationalversammlung wurde hierauf von Wiennach Kremsier in Mähren verlegt.
K. 571. Diese Vorgänge und der heftige Kampf, der jetzt in Ungarn ent-stand, als Windischgrätz im stolzen Selbstgefühl des Siegers die öfterreichl-schen Heere gegen.Pesth führte, bestärkten die Mehrheit des Frankfurter Par-laments in der Überzeugung, es sei für Deutschland wie für ÖsterreichVorteilhast, wenn beide von einander getrennt ihr neues Staatswesen ausfreisinniger Grundlage aufrichteten und dann ein weiteres Bundes-verhältnis mit gemeinsamer Zoll- und Handelsgesetzgebung eingingen-In dem deutschen Bundesstaat sollte dann Preußen an die Spitze treten. DieseAnsicht fand den entschiedensten Verfechter in dem Präsidenten Heinrich vvNGagern, und um den Plan mit mehr Nachdruck durchzuführen, übernahm Iderselbe im Dezember den Vorsitz im Reichsministerium. Das Vorhaben stieß