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Neueste Geschichte.
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1851 .
anderwärts Geltung zu verschaffen und dem herrschenden LegitimitätspriMpdas Prinzip der Volkssouveränität in neuer Gestalt entgegenzusetzen. Wirwerden sehen, wie er die „Annexion" von Savohen und Nizza durch eureVolksabstimmung einleitete; wie in Italien die Kundgebungen der Bewohnerals Rechtstitel für die Einverleibung der kleineren Staaten in das neue Ge-samtkönigreich anerkannt wurden; wie er in Mexiko die Errichtung eines Kai-sertums auf den ausgesprochenen Volkswillen zurückführte. Auch bei dem Erb-folgestreit in Schleswig-Holstein empfahl er die Anwendung eines Plebiscit. ^Große Sorgfalt wendete der Kaiser den sozialen Fragen zu. Eine BäckeM-kasse mit Zuschüssen der Stadt sollte in Paris mäßige Brotpreise für dieunteren Volksklassen schaffen. Durch Wasserbauten, Dämme und Flußkorrek-tionen suchte er den verheerenden Wirkungen der Rhoneüberschwemmungen ZUbegegnen und dem Ackerbau Schutz zu gewähren. Großartige Bauunterneh-mungen, vom Staat und von den Städten ausgehend, gaben den ArbeiternBeschäftigung und schufen zugleich neue Straßen und gesundere WohnungeN-Die große Kunst- uno Industrieausstellung, welche im Mai 1854 WParis eröffnet ward, und Handelsverträge mit verschiedenen Staaten för-derten das Gewerbe und Verkehrsleben und mehrten den Absatz französische*Erzeugnisse nach dem Auslande. Ganz verschieden von seinem Oheim, welcherdurch die Kontinentalsperre das Verkehrsleben in Fesseln schlug, löste er diealten Bande des Schutzzollsystems in Frankreich und that durch Minderungoder Beseitigung der Zollschranken einen bedeutenden Schritt zum Freihandel— Aber so sehr sich Napoleons Herrschaft bei dem Volke befestigte, die Zah-seiner erbitterten Gegner blieb doch noch sehr groß. Die Legitimisten beharrtenin ihrer Zurückgezogenheit, wenngleich bei der Thatlosigkeit und PassivsNatur ihres Hauptes, des kinderlosen Grafen von Chambord (Bordeaux) dnHoffnungen auf eine neue Restauration mehr und mehr sanken. Von den Orga-nisten hatte sich Guizot in ein litterarisches Stillleben zurückgezogen, in aus-führlichen Denkwürdigkeiten die Welt über sich und seine Zeit zu belehrensucht und sich seinen religiösen „Meditationen" hingegeben, und Thiers, dur^seine geschichtliche Darstellung des ersten Kaiserreichs der napoleonischen Fa-milie innerlich mehr befreundet, hat erst nach mehreren Jahren des Schweigen»wieder am öffentlichen Leben teilgenommen und in der parlamentarischen Op-position seine Geistesfunken von neuem blitzen lassen. Schroffer und verbitterteals die Männer des Prinzips und der Doktrin standen die Republikaner denapoleonischen Herrschaft entgegen. Viele hervorragende Persönlichkeiten, tvsLedru-Rollin und Louis Blanc, wie Viktor Hugo und Quinet, N"Charras, Changarnier, Lamoricitzre u. a., verharrten als unbußferugWidersacher des Imperialismus in der Fremde, in England, Belgien,Schweiz, einen neuen Umschwung in dem tiefbewegten Lande erwartend, nn, in Frankreich selbst traten bei manchen Gelegenheiten, wie bei dem BegräbMU'-Mr Volksdichters Bäranger, anti-bonapartrstische Regungen und Gesinnungen
zutage. Aber Napoleon IÜ. war auf seiner Hut: wie sein Oheim suchte auch esich durch eine weitverzweigte wachsame Polizei zu schützen und setzte sein W^trauen auf sein schlagfertiges Heer, auf seine stolze Garde, auf ferne Generaund Offiziere, welche die bevorzugte Stellung, die er ihnen im Staat und rn oGesellschaft einräumte, mit Treue und Hingebung vergalten. Ein mit grogKlugheit entworfenes Vereinsgesetz gab der Regierung die Mittel in die Hau '
1857.
dre Stimme der Opposition zum Schweigen und stellten den Ausdruck deröffentlichen Meinung ganz unter die Obhut des Staats und seiner Organe-