Z- 578.
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Die Westmächte und Rußland.
1867 .
I8KS.
8. Mai
1870 .
Die verbrecherische That des Italieners Orsini, der mittelst tödlicher Geschosse(Orsini-Bomben), die er und mehrere Genossen heimlich in England angefertigt,km gefährliches Attentat auf das Leben des Kaisers machte, als dieser mit seinerGemahlin in die Oper fuhr, gab Veranlassung zur Schärfung der Zwangs-gesetze in Frankreich: durch die Errichtung von fünf Marschallkreisen unddurch die Ernennung des Haudegens Espinasse zum Kriegs- und Polizei-unnister wurde das ganze Reich unter das Schwert gebeugt; ein strenges Über-kmchungsshstem im Innern und gegen das Ausland hemmte jede freie Be-rgung, ein militärisch-polizeilicher Terrorismus, verbunden mit Verhaftungenund Deportationen, hielt die Geister gefesselt und füllte alles mit Furcht undZagen. Nur allmählich wurde das System des Kriegs und Schreckens durchMaßregeln der Versöhnung und des Vertrauens gemildert. Doch blieb dieweie Meinungsäußerung sowohl in der Tagespresse als in der gesetzgebendenVersammlung fortwährend großen Beschränkungen unterworfen, die Centrali-sation, die alle Macht in die Hände des Beamtenstandes legt, leitete und be-stimmte das ganze öffentliche Leben und hielt jedes Selbstregiment in Korpora-tionen und Gemeinden nieder. Erst nachdem Napoleon durch eine neue Militär-vrganisation das Kaisertum in die Lage gesetzt, nach außen die seinem Rangegebührende Stellung zu behaupten, im Innern die feindlichen Elemente nieder-zuhalten, lenkte er in freiere Bahnen ein. Die Entlassung des StaatsministersRouher, des gewandten Verfechters des kaiserlichen Absolutismus, bildete denÜbergang zum konstitutionellen Staatssystem mit Preß- und Vereinsfreiheitund ernstlicher Mitwirkung des gesetzgebenden Körpers am öffentlichen Leben.Eine neue Volksabstimmung hieß oie parlamentarische Ära gut, zu deren Durch-führung der Minister Ollivier berufen ward. — Die glänzendsten Triumphefeierte Napoleon auf dem Felde der äußeren Politik. Im Bunde mit Eng-wnd sah er sich instand gesetzt, die heilige Allianz zu brechen, durch erfolgreicheKriege gegen Rußland und gegen Österreich die Waffenehre der Nation her-zustellen und Frankreich zum Mittelpunkt der europäischen Politik zu erheben.
Z. 578. In England blickte die Regierung anfangs nicht ohne Sorge aufdre Wiederherstellung der bonapartistischen Dynastie mit ihren Traditionen,und war daher beflissen, die Wehrkraft des Landes und Volkes zu stärken. Sievermehrte die Kriegsflotte und setzte die Seehäfen und Küstenbefestigungen inVerteidigungsstand, sie vergrößerte die Heeresmacht, erleichterte die Anwer-bung fremder Kriegsmannschast und traf Vorkehrungen zur Errichtung einerLandwehr. Und allerdings trat sowohl in Frankreich als auf dem übrigenFestlande eine gereizte Stimmung gegen England zutage, als aus allen Län-dern politische Flüchtlinge und Verbannte in dem Jnselreiche eine sichere Zu-stucht fanden und, geschützt durch das Asylrecht, der Revolutionspartei in deneuropäischen Staaten Vorschub leisteten und das herrschende Regiment zu stür-mn suchten. Durch Klugheit und Mäßigung beschwichtigte jedoch die britischeLegierung das Ausland, ohne ihr altes Freibodenrecht zu beschränken, und dabald nachher wichtige Ereignisse die Blicke der Welt auf andere Dinge richteten,w wurde das gute Verhältnis wiederhergestellt; Frankreich und Englandbraten in ein Freundschaftsbündnis, das durch wiederholte gegenseitige Besucheaer regierenden Häupter und persönliche Aufmerksamkeiten stets lebendig er-halten und nur vorübergehend getrübt ward. Dadurch konnte die englischeRation auf dem Wege der Reformen und des geistigen Fortschritts, den siestets mit Eifer und Erfolg betreten, ungehindert vorangehen. Nicht nur daßste Handel und Verkehr in Aufschwung zu bringen suchte durch die großartigeZstbustrieausstellung im Jahre 1851, durch Herabsetzung oder Aufhebung derLEe, durch unterseeische Telegraphenverbindungen u. dergl. m.; auch im in-
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