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Neueste Geschichte.
nalen Einigung Italiens nicht wie ein schönes Traumbild nach kurzer Zeitwieder entschwinden, nur als glänzendes Phänomen am geschichtlichen Hori-zonte ein flüchtiges Dasein feiern, so bedurfte es einiger Jahre der Ruhe unddes Friedens, um das Gewonnene zu ordnen und zu festigen, um das Zerstreutezu sammeln, um dem Auslande Achtung und Vertrauen einzuflößen. Daß dieEinheit Italiens eine unvollständige sei, solange die Losung: „Frei bis zurAdria!" nicht in Erfüllung gegangen, daß die italienische Königskrone ihresschönsten Schmuckes entbehrte, solange Rom in andern Händen war, erkanntenund fühlten die italienischen Patrioten mit großem Verdruß. Aber dieses ZielWar vorerst nicht zu erreichen, sollte nicht die ganze Errungenschaft der blutigenund heißen Arbeit wieder gefährdet und in Frage gestellt werden. Bei dieserLage der Dinge kam dem Grafen Cavour das Drängen und Treiben der ita-lienischen Heißsporne, der „Jtalianissimi", sehr ungelegen. Indem sie das Volkdurch den großsprecherischen Ruf: „Rom und Venedig!" in Aufregung hielten,füllten sie auch die Gemüter mit Mißtrauen und Unzufriedenheit gegen dieRegierung und gegen das monarchische Regiment überhaupt. Von diesen Be-wegungen hielt sich auch Garibaldi nicht fern. Ein militärischer Mann, dereinen großen Teil seines Lebens in republikanischen Staaten zugebracht, der inseinen idealen Weltanschauungen, in seiner opferfreudigen Liebe für Freiheitund Vaterland die Macht der realen Verhältnisse nicht kannte und nicht wür-digte, mußte an der zögernden Politik Cavours Ärgernis nehmen. Doch ge-lang es dem gewandten Staatsmann, den Zürnenden zu versöhnen und vons. Juni unbedachten Schritten zurückzuhalten. Nach wenigen Monaten sank GrafCavour ins Grab, zu frühe für die junge Schöpfung, die hauptsächlich er insLeben gerufen, aber doch mit dem erhebenden Gefühl, daß die Zukunft desKönigreichs gesichert sei. Unter seinen Nachfolgern Ricasöli und Rattazzischritt die italienische Regierung auf der von ihm Umgezeichneten Bahn ruhigerEntwickelung fort. Die Regierungen des Auslandes traten allmählich ausihrer Zurückhaltung hervor und zollten der neuen Ordnung ihre Anerkennung.Gegen das von Rom aus genährte und begünstigte Bandenwesen in Neapelwurde mit Energie eingeschritten; und während man bemüht war, durch Ge-setze und Reformen im Sinne des Fortschritts das Staatswesen zu heben undzu kräftigen, die nationale Einheit auf dem Boden der Freiheit und Gleich-berechtigung zu Pflegen, suchte man auch die Wehrkraft des Landes zu stärken,damit das Errungene mit eigener Kraft gewahrt und verteidigt werden könne.Mit diesem allmählichen Fortschreiten war jedoch die Aktionspartei nicht zu-frieden. Rom und Venedig sollte mit stürmender Hand erobert, die ganzeitalienisch redende Bevölkerung in den Reichsverband aufgenommen werden.Bald gingen die Wogen der Bewegung so hoch, daß die Regierung, welchekeineswegs gesonnen war, in kriegerische Aktion zu treten, einen festen Dammaufrichten mußte. Es wurden in der Gegend von Bergamo und Brescia Ver-haftungen vorgenommen und einige Zusammenrottungen durch Militär zer-sprengt. Unter den Verhafteten befanden sich auch Freunde und BegleiterGaribaldis, der gleichfalls von dem revolutionären Schwindel ergriffen wordenwar und den Männern der Aktionspartei zu viel Gehör schenkte. Garibaldibeschloß, den Waffengang, den er vor zwei Jahren Wider Neapel gerichtet, nun-i86L. mehr gegen Rom zu kehren. Im Juni segelte er nach Palermo, wo auf seinenRuf bald bewaffnete Freiwillige unter seine Fahne eilten, um die Fremd-herrschaft von Italien abzuschütteln und dem Reiche die natürliche Hauptstadtzu gewinnen. Die thatendürstende Jugend schloß sich ihm um so eifriger an,da die AktionsPartei die Meinung zu verbreiten gewußt, als sei die Regierunginsgeheim mit dem Unternehmen einverstanden und werde dem General nichts