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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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527
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8- 634. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 527

Geltung zu verschaffen, als nach innen, um die widerstrebenden Elemente zu über-winden oder zu versöhnen. Dieses Ziel deutete die Thronrede, womit der Kaiser selbstden ersten aus allgemeinen unmittelbaren Volkswahlen hervorgegangenen Reichs-^tag eröffnete, in würdigster Weise an: „Wir haben erreicht, was seit der Zeit unsererVater für Deutschland erstrebt wurde, die Einheit und deren organische Gestaltung,die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsent-wickelung. Möge die Wiederherstellung des deutschen Reichs für die deutscheNation auch nach innen das Wahrzeichen neuer Größe sein! Möge dem deutschenReichskriege, den wir so ruhmvoll geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfriedenfolgen und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sichin dem Wettkampf um die Güter des Friedens als Sieger zu erweisen! Das walteGott!" Diese warmen Worte fanden bei der Mehrheit des Parlaments einen starkenWiederhabt, und die Antwort ließ erkennen, wie sehr sie den herrschenden GefühlenAusdruck gegeben. Doch nicht alle dachten so. Im Auslande wollte das Mißtrauenund eine kaum verhüllte Abneigung nicht schwinden, und im Innern bildete sich baldeine Opposition, die mit der Zeit an Umfang und Leidenschaftlichkeit zunahm. Gleichbei den Debatten über die Adresse zeigte es sich, daß eine Anzahl Abgeordneter mitder Herstellung des Reichs auch die Verherrlichung des Papsttums verbinden, die„beiden Schwerter" wieder ins Leben rufen wollte. Die Wortführer dieser klerikalenPartei, ein Mallinckrodt, Reichensperger, Windthorst, Schorlemer-Alst,gehörten dem nördlichen Deutschland an, während der Süden größtenteils reichs-freundliche liberale Vertreter gewählt hatte, freilich auch manche Ultramontane, wieden streitfertigen Bischof Ketteler von Mainz. Diese katholischen Neichsboten ver-einigten sich zu einer „Zentrumspartei", an die sich nach und nach alle anschlössen,welche der Neubildung und Stärkung Deutschlands entgegenzuwirken suchten, Polen,Partikularsten, Socialdemokraten, Mißvergnügte aller Art. Ihr gemeinsames Zielwar, dm organischen Ausbau des Reichs mit allen Mitteln zu hindern. — Gleich-zeitig ging aus dem Schoße der katholischen Kirche selbst eine innere Bewegung her-vor, die ihrer eigenen Kraft und Einheit bedrohlich ward. Als die Beschlüsse desvatikanischen Konzils ohne alle Rücksicht auf die Opposition als Glaubens- undKirchengesetze bekannt gemacht wurden, erließ der Stiftspropst Döllinger ein offenes^Sendschreiben an den Erzbischof von München-Freising, worin er ausführte, daß dasneue Dogma von der Allgewalt und Unfehlbarkeit des Papstes der heiligen Schriftwie den Traditionen der Kirche entgegm sei. Es trage seinen romanischen Ursprungan der Stirne und würde, falls es bei dem katholischen Teil der deutschen Nationherrschend werden sollte, den Keim des unheilvollen Siechtums, an dem das alteReich zu Grunde gegangm, auch in das eben erbaute neue Reich verpflanzen. Nachdieser von den Jesuiten aufgestellten Theorie werde dem päpstlichen Oberhaupte einevollendete Universalherrschaft und geistliche Diktatur beigelegt, welche zu endloserverderblicher Zwietracht zwischen Staat und Kirche, zwischen Geistlichen und Laienführen müsse. Dieses „Pronunciamento" des gelehrtesten katholischen Theologenund die gleichzeitigen Debatten im Reichstag brachten es der Nation zum Bewußt-sein, welche Ziele die ultramontan-jesuitische Partei verfolge: die Herrschaft der Kircheund ihrer hierarchischen Organe über die Christenwelt, die blindgläubige Unterwerfungder Menschheit unter die geistliche Autorität ohne Rücksicht auf Vernunft und Wissen-schaft. Mit dieser herausfordernden Haltung der papistifchen Partei war der Reichs-regierung und der nationalen Politik der Weg gezeigt, den sie zu ihrer Selbsterhaltung,zur Verteidigung ihrer teuersten Güter einzuschlagen hatte: sie mußte alle klerikalenEin- und Übergriffe aus das staatliche Gebiet zurückweisen und die im Schoße derkatholischen Kirche im Entstehen begriffene Scheidung sich frei und selbständig ent-wickeln lassen. Vor allem mußte der Staat beflissen sein, die Schule von der geist-lichen Herrschaft zu befreien und unter seine eigene Verwaltung und Obhut zu nehmen.